Die SPD hat eine Partie gewonnen. Ihr Trumpf war das „Nein“ des Parteivorstandes zu weiteren Kompromissen beim Grundgesetzentwurf. Es hat gestochen. Zum ersten Male war es wieder Dr. Kurt Schumacher, der bei den Besprechungen im Odeon-Haus in Hannover den Vorsitz führte. Ob er auch allein die Karten gemischt hat, ist nicht sicher. Das Ergebnis aber bleibt auf alle Fälle dieses: Bitter benötigte Pluspunkte für Deutschland und die SPD.

Ein Jahr lang hatte den 53jährigen Parteichef eine Beinamputation ans Bett gefesselt. Ein Jahr, in dem sich der Schwerpunkt der SPD von Hannover nach Frankfurt und Bonn zu verlagern schien, und nur noch ab und zu ein gelegentliches Grollen von dem hannoverschen Krankenlager an die Öffentlichkeit drang. Allen Spekulationen seiner Gegner, Feinde und Neider zum Trotz, scheint Kurt Schumacher heute jedoch weniger denn je gewillt zu sein, auch nur einen Zoll von jeder Position zurückzuweichen, die er drei Jahre hindurch innegehabt hatte. Sein Wille war damals nahezu der Wille der Partei; seinen Worten lauschten Tausende. Kein Wunder, daß dieser Mann im Ausland lange Zeit als Sprecher Deutschland! galt. „Ein deutscher Volkstribun“ nannte ihn die Neue Zürcher Zeitung. „Eine hervorragende Persönlichkeit“, so meinte selbst Le Morde, obgleich ohne das, „was wir ,Manieren‘ nennen.“ Und der Engländer Fenner Brockway schrieb „Er schien mir ein Sinnbild der ganzen Tragödie Deutschlands.“ In der Tat: Der Lebensweg dieses Mannes, der als Sohn eines Beamten aus dem heute polnisch besetzten Westpreußen geboren wurde, war ein Leidensweg.

Im ersten Weltkrieg zerfetzte an der Ostfront eine Granate seinen rechten Arm. Schumacher lernte in zwei Wochen mit der Linken schreiben. „Willenssache“, sagt er lakonisch. Nach dem Kriege und seiner Promotion zum Dr. rer. pol. stieß er endgültig zur Sozialdemokratie und stieg hinauf bis in den Vorstand der Reichstagsfraktion. Schumacher war, wie Leber, Mierendorff und Haubach, einer jener jungen Sozialisten, die auch nach 1933 den Kampf nicht aufgaben. Sie mußten es bitter büßen. Drei opferten ihr Leben – der letzte seine Freiheit. Wenn Schumacher 1945 dem Rat der Ärzte gefolgt wäre, hatte er sich Ruhe gönnen müssen, wenig sprechen und nie reisen dürfen. Er tat das Gegenteil. Daß sich nach Kriegsende die deutsche Sozialdemokratie so überraschend schnell und geschlossen mit Hannover als Mittelpunkt zusammenfand, war das Werk seiner unermüdlichen Energie.

Allein die elfjährige KZ-Haft hat nicht nur seinen Körper gezeichnet. Auch sein Geist hat sich unter dem Terror der bestialischen Macht gewandelt. Er ist hart, sehr hart geworden. Sein Hang zur Einsamkeit und Ausschießlichkeit läßt ihn in Extremen leben. Mit seiner Prophezeiung „Deutschland muß sozialistisch werden“, ist es ihm ebenso ernst, wie mit seiner überspitzten Behauptung, „daß in Deutschland die Demokratie noch nicht viel stärker ist als die SPD.“ Schonungslos greift er seine Gegner mit sitzendem Sarkasmus an, nannte er als erster die Kommunisten „rotlackierte Nazi“ und warf gewissen Kreisen in den Siegerländern vor, ihre Beutezüge gegen eine unterlegene Nation mit „moralinsaurem Gequassel“ zu verdecken. Gefährlich oft, entzündet er in vielen Köpfen einen Nationalismus, den zu bekämpfen er einmal ausgezogen ist. Gefährlich oft scheint er das Individuum zu vergessen, für dessen Rechte man sich in Ansprachen kaum einen entschiedeneren Verteidiger vorstellen könnte. Seine Dimensionen sind Überdimensionen geworden; seine Figur ist geeignet, in einer jungen Demokratie beunruhigend zu wirken. Aber niemand wird jemals die Lauterkeit seiner Überzeugungen anzweifeln können. Ihn quält die Vergangenheit; ihn quält die Gegenwart. Ihn quält die verzehrende Unruhe eines Politikers, der das Unglück einer Generation miterlebte, ohne es verhindern zu können, und der heute, in abgewandelter Form, neue Tragödien heraufziehen sieht. Und wer nur einmal dabei war, wie Kurt Schumacher auf einer Massenkundgebung mit zuckenden Gesichtszügen hinter einer geschlossenen Maske sich bis zum äußersten konzentriert, und dann, auf dem Rednerpult, mit hervorgestoßenem Kinn, flackernden Augen und sich beinahe überschlagender Stimme die politischen Leidenschaften der Masse weder, der sieht es –: „Eine Flamme, die sich selbst verzehrt.“

Vier Jahre lang, hat er sich so bis zum letzten verausgabt. Wird es heute, da sich die Konturen einer Bundesrepublik abzeichnen, und man fortan auch deutsche Politiker mit staatsmännischen Maßen wird messen müssen, dem Geist noch einmal gelingen, den Körper zu überwinden, und den Schritt vom Volkstribunen zum Staatsmann zu tun? Das „Nein“ im Odeon-Haus war ein vielversprechendes Debüt, C. J.