Von Norbert Jacques

Wenn man bis in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg zurückgeht, findet man Luxemburg als das jüngste Staatsgebilde Europas. Wohl wurde es 1839 als Großherzogtum für selbständig erklärt, doch erst durch den Londoner Vertrag von 1867 aus dem Deutschen Bund herausgenommen und seine Hauptstadt von der preußischen Garnison befreit. Zugleich wurde ihm die Neutralität zugedacht. Eine so junge Nation! Aber gewiß gibt es in Europa kein Volk, das ein stärkeres Bewußtsein des Zusammenhaltes in seiner politischen und sozialen Gemeinschaft besäße. Das kommt daher, daß Luxemburg ein glückliches Land ist.

Durch eineinhalb Jahrtausend war das Volk arm gewesen, war durch den beunruhigenden Kräfteaustausch zwischen Frankreich und Deutschland um den Besitz des Rheins (zu dem die Festung Luxemburg eines der Tore war) hin und her gezerrt worden. Und dann, als es neutral und selbständig geworden war, wurden die Eisenminettlager wieder gefunden, und es wurde auch ein reiches Volk. In seltener Ausgewogenheit liegen Industrie und Landwirtschaft. Jene ist auf den Südwestwinkel verwiesen und macht sich in den übrigen neun Zehnteln des Landes nur in den Eisenbahrezügen bemerkbar, die Thomasschlacken nach dem Norden befördern, um dessen störrischen Ardennerboden für den Getreideanbau gefügig zu machen.

Ein goldenes Zeitalter

Luxemburg hat kein unlösbares Problem weder der Politik noch der Wirtschaft noch des Zusammenlebens. Seine Bewohner sind mit der größten Freude am Besitz des Diesseits begabt, Ja, Luxemburg ist gewiß das glücklichste Land Europas, weil eine so (kleine Nation nicht einmal den Ehrgeiz zu haben braucht, der Länder wie die Schweiz manchmal plagt.

Jene Wohlhabenheit, Grundlage des Glücklichseins, erlangte das luxemburgische Volk Arm in Arm mit Deutschland, mit dem es von 1842 bis 1918 im Zollverband lebte. Das sei das „Goldene Zeitalter der Wirtschaft“ gewesen, las ich dieser Tage in einer Luxemburger Zeitung. Aber dann war es das gleiche Deutschland, das zweimal innerhalb einer Generation Angst, Kummer, Demütigung und Unheil brachte. Nach dem Eingriff Deutschlands durch den Krieg von 1914 wurde 1918 der Zollverband gelöst, aber es kam zu einem erträglichen Nebeneinanderleben. Ich stellte zehn Jahre nach Kriegsende unter jungen Menschen in Luxemburg fest, daß die ungleich stärkeren Spannungen, die das Gefüge des deutschen Volkes durchbluteten, diesem – gegenüber dem ausgeglicheneren Leben der Franzosen – eine neue Anziehungskraft gewonnen hatten. Mir selber sah man nach, daß ich im Krieg Partei für Deutschland ergriffen, obgleich es die Heimat vergewaltigt hatte. Von der Luxemburger Großindustrie wurden Versöhnungsklubs gebildet, die nur deshalb wenig allgemeinen Erfolg hatten, weil auf beiden Seiten die Masse mißtrauisch gegen den Manschestertyp der Männer waren; die sich an die Spitze stellten.

Jedem Luxemburger war schon von jeher sozusagen in die Wiege gegeben, daß er sich einmal in seinen Neigungen für Frankreich oder für Deutschland zu entscheiden hatte. Selbst der stumpfe Mensch ergriff Partei. Bisweilen hatte das geradezu sportlichen Charakter. Mit 90 v. H. fiel die Entscheidung für Frankreich aus, dessen Wesen weniger beunruhigte und leichter eingänglich war. Man heiratete auch viel nach Frankreich, sehr selten nach Deutschland. Die Nähe von Paris wirkte mit und selbstverständlich die französische Geistigkeit. Seltene Exemplare der Luxemburger, und fast ausnahmslos aus Schichten der Gebildeten, ließen sich nicht so ausschließlich durch das französische Temperament betören.