Von Josef Bergenthal

Was tun unsere jungen Mädchen im Theater? Das Theater ist bloß für Männer und Frauen, die mit menschlichen Dingen bekannt sind.“ Diese Ansicht, die heute nicht gerade zeitgemäß klingt, hat nicht irgendeine Mädchenbetreuerin niedergeschrieben, sondern der Dichter, Minister-und Theaterdirektor Goethe, von dem im übrigen zur Genüge bekannt ist, daß er die Mädchen sonst sehr wohl leiden mochte. Aber im Theater wollte er sie nicht wissen; zumindest war er nicht bereit, bei der Gestaltung seines Spielplans Rücksicht darauf zu nehmen, was für junge Mädchen zuträglich sei. Darum dekretierte er: „Das Theater ist bloß für Männer und Frauen, die mit menschlichen Dingen bekannt sind.“

Als Goethe die Leitung der Weimarer Bühne übernahm, gab es noch keinen „gesellschaftsfähigen“ Schauspielerstand. Die Zeit der wandernden Theatergruppen war eben vorbei. Aber die Schauspieler hatten noch „Unarten“ der fahrenden Leute, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen. Goethe ging in Weimar daran, seine Schauspieler regelrecht zu erziehen.

Er tat das nicht nur durch seine einundneunzig. „Regeln, für Schauspieler“, er tat es noch mehr als vorschreibender und strafender Vorgesetzter in elementaren Fragen des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Es ist damals in Weimar vorgekommen, daß ein Mitglied des Ensembels mit strengem Hausarrest bestraft wurde, und damit der Bestrafte sich zu Hause auch wirklich, langweilte, wurde eine Wache vor seiner Wohnung aufgestellt, die er obendrein noch selber bezahlen mußte. Freilich scheinen die damaligen Schauspieler unbezähmbare Naturen gewesen zu sein. Sonst würde Goethe nicht so ironisch und in seinen Maßnahmen so drakonisch geworden sein: „Wenn ein Mann seiner Frau die Augen blau schlägt, so kann das sehr theatralisch werden, wenn sie gerade an dem Abend eine Liebhaberin zu spielen hat. Es sollte deshalb bei dieser Gelegenheit sehr deutlich ausgesprochen werden, daß ein Akteur, der seine Frau prügelt, von Kommissions wegen sogleich auf die Hauptwache geführt wird.“

Ebenso entschieden ging Goethe gegen das Publikum vor. Es mußte artig sein, die Kritiker übrigens auch. Goethes bekannter diktatorischerAusruf „Man lache nicht!“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Er hat es aus seiner Loge in den Zuschauerraum gerufen, als bei der Uraufführung von Friedrich Schlegels „Alarcos“ das Publikum unruhig wurde und zu lachen anfing. Goethe saß bei besonderen Aufführungen in der Regel unter den Zuschauern, bereit, jeden Augenblick durch seine Gegenwart und durch die Kraft seiner autoritären Persönlichkeit das Publikum zu einer respektvollen Haltung zu zwingen wie der Lehrer seine Schulklasse.

Man muß freilich, um nicht ungerecht zu sein, Goethes Verhalten vor dem Hintergrund der Anschauungen seiner Zeit und der geltenden Hofetikette sehen. Goethe wußte, was er dem Hofzeremoniell schuldig war. Das Theater war damals in erster Linie für den Hof da. Natürlich konnte jeder es besuchen, aber er durfte weder Beifall klatschen noch Mißfallen äußern. Da aber die Theaterbesucher der Goethe-Zeit sich auch ein Urteil erlaubten, kam es zu manchen Zwischenfällen, die Goethe von Amts wegen zu verhüten oder zu schlichten hatte. Heute wirkt ein Ausspruch des Herzogs Carl August von Weimar beinahe humoristisch. Als nach der verunglückten Aufführung von Kleists „Zerbrochenem Krug“ jemand zu pfeifen wagte, sprang Carl August in großer Erregung auf und schleuderte diese wunderschönen Sätze ins Parkett: „Wer ist der freche Mensch, der sich untersteht, in Gegenwart meiner Gemahlin zu pfeifen! Husaren, nehmt den Kerl fest!“ Goethe dagegen, der für die schlechte Inszenierung verantwortlich war, hat in diesem Fall mit dem Herzen dem Pfeifer zugestimmt und später gesagt: „Der Mensch hat gar nicht so unrecht gehabt; ich wäre auch dabei gewesen, wenn es der Anstand und meine Stellung erlaubt hätten.“

Im übrigen darf man allen Intendanten wünschen, daß sie das erreichen, was Goethe in Weimar erreicht hat. Es gelang ihm, das Theater auf eigene finanzielle Beine zu stellen und sogar ohne Zuschuß auszukommen, als es sein mußte. Auf der einen Seite verstand er zu sparen, auf der anderen Seite die Theatereinnahmen zu steigern. Dafür zwei Beispiele –: Als einmal ein neuer Shakespeare vorbereitet wurde, machte die Kostümierung Schwierigkeiten. Kirms, der Geschäftsführer des Theaters, hatte eine längere Unterredung mit Goethe und meldete folgendes Ergebnis: „Wenn unter den vorräthigen Mänteln kein brauchbarer sey (welches zu wünschen wäre), so soll für Madame Voß einer gekauft werden; ein neues Kleid aber zu kaufen komme zu hoch. Vielleicht könne sie sich des weißatlassenen Kleides von Maria Stuart bedienen, oder ich soll das in der Garderobe befindliche weißatlassene Kleid, wovon Demoiselle Jagemann neulich den Rock angehabt, zu rechte machen lassen...“ So sparsam hat Intendant Goethe in der klassischenZeit das Weimarer Hoftheater führen müssen. Auf der anderen Seite war er immer darauf bedacht, jede Einnahmemöglichkeit, die sich dem Theater bot, auszunutzen. In einem Brief an Schiller, in dem von Xenien und von naturwissenschaftlichen Studien die Rede ist, fügt er die Anmerkung hinzu: „Da in Rudolstadt Vogelschießen ist, geht unsere Schauspielergesellschaft dahin.“ Goethe achtet also darauf, ob in einem Nachbarstädtchen Schützenfest ist, um die Gelegenheit gleich beim Schopfe zu fassen. Dieser umsichtigen und rührigen Theaterleitung war es zu danken, daß die Weimarer Bühne nicht einzugehen brauchte, als das Ministerium sie in der Napoleonischen Zeit schließen wollte. Goethe konnte erklären, das Theater brauche keine Zuschüsse, es existiere aus eigener Kraft.