Von Karl N. Nicolaus

Die Technik hat ohne Zweifel etwas Märchenhaftes, freilich nicht im Sinne von Hänsel und Gretel, sondern im Sinne der Heinzelmännchen, der Siebenmeilenstiefel, des fliegenden Teppichs von Bagdad. Neulich sah ich ein entzückendes Märchenbuch, in dem die Technik selbst eine Rolle spielte. Es hieß „Die kleine, rote Lokomotive bekommt einen Namen“, und der englische Zeichner Lewitt-Him hatte es gemacht. Letzten Endes sind es nur Nuancen, die das moderne Märchenbuch von demjenigen unterscheidet, das den Namen der Brüder Grimm weltberühmt machte. Und hier wie dort ist die Phantasie der Kinder so lebhaft, daß sie beim Betrachten von Märchen-Bilderbüchern sicherlich viele Dinge „sehen“, die uns Erwachsenen nicht wahrnehmbar sind. Eins aber ist sicher: das Ganze bleibt Bild, bleibt Fläche. Die räumliche Dimension fehlt.

Ohne Zweifel wäre ein „plastisches Bilderbuch“ etwas Neuartiges – ein plastisches Bilderbuch, in dem die Märchenfiguren räumlich gesehen würden. Heute ist so ein „plastisches Bilderbuch“ vielleicht noch eine Utopie, und ich habe auch erst kürzlich erfahren, daß jemand es in den Bereich des Möglichen rücken will.

Das „plastische Bilderbuch“ kann man nicht zeichnen. Die Märchengestalten müssen körperlich vorhanden sein; dann ist es durch, eine bestimmte Aufnahmetechnik möglich, ihre Körperlichkeit in einer Fläche zu verpacken, und aus dieser Fläche treten sie dann (bei entsprechenden technischen Vorkehrungen) wieder als Körper hervor. Die wahre Räumlichkeit ist hier also keine Finte und läßt sich durch keinerlei Tricks ersetzen. Es könnte durchaus sein, daß Puppen – besonders, wenn sie von Meisterhand geschnitzt würden – berufen wären, die „Stars“ im „plastischen Bilderbuch“ (oder im „plastischen Märchenfilm“) von morgen zu werden.

Puppen? Wer gibt sich heutzutage schon mit Puppen ab, höchstens die Spielzeugindustrie. Ernsthafte Leute haben keine Beziehungen zu Puppen, es sei denn zu jenen, die Hans Albers meint, wenn er mit den Fingern an den Hutrand schnipst und sagt: „Servus, Puppe!“ Doch die richtigen, „echten“ Puppen wachsen nicht auf dem Asphalt; und sie entstehen auch nicht unter dem Druck von Fräsmaschinen und Stanzapparaten. Sie sind Wesen, die (beispielsweise) seit alters her im Holz leben: – sie sind „Gesichter des Holzes“, die ein Künstler zum Dasein erweckt. Da verwandeln sich die Kloben einer soliden Winterlinde in die Gestalten aus „Tausendundeiner Nacht“.

Der Mensch von heute hat sich an das „Märchenhafte“ gewöhnt, das im Schein der Jupiterlampen das Licht der Welt erblickt. Vom Zwielicht hält er nichts, vom Zwielicht, wie es in alten Höfen wohnt, in welche die Sonne nie hineinscheint und die nur vom hohen Himmel einen sanften Schein von Helle erhalten. Über so einen Hof, der noch düsterer dadurch wurde, daß es in Strömen regnete, mußte ich mich vortasten, um in eine kleine Werkstatt zu gelangen, in der ein Mann mit grauen Schläfen sitzt; der schnitzt von morgens bis abends Märchenpuppen aus Holz. Und die Schränke und Borde, die Tische und Ecken sind bevölkert von seinen Gestalten, die in diesem Verließ, wo nicht Sonne und Mond hinscheinen, ein gespenstisches Leben führen.

Auch der Schnitzer scheint dieser Gespenstigkeit teilhaftig. Erst vor zwölf Jahren hat er – selbst schön ein reifer Mann in Amt und Würden – die Tradition seines Vaters, der ein berühmter, thüringischer Holzschnitzer war, wieder aufgenommen.