Auch ein „Ende gut“ in Bonn bedeutet kein „alles gut“. Diese Feststellung gilt nicht der Mühseligkeit der Kompromisse zwischen den deutschen Parteien und zwischen den Militärregierungen und dem Parlamentarischen Rat. Am bedauerlichsten bleibt, daß der größte Teil des deutschen Volkes den politischen Vorgängen innerhalb Deutschlands gleichgültig, ja, in vieler Hinsicht ablehnend gegenübersteht. Man kann jedoch nicht sagen, daß diese Deutschen etwa von Natur aus überhaupt an Politik uninteressiert seien, daß das Wort „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!“ immer noch als typisch gelten könne für das Verhalten eines Durchschnittsdeutschen. Das Gegenteil ist der Fall: der Streit Sowjetunion–Vereinigte Staaten etwa, der Atlantikpakt, die Berliner Blockade, ja, sogar Titos Rebellion werden allgemein und lebhaft diskutiert. Man hat in Deutschland ein sehr sicheres Gefühl dafür, daß die Ereignisse der großen Weltpolitik das Schicksal eines jeden einzelnen von uns mitentscheiden. Und so beschäftigt man sich mit diesen Fragen, obgleich doch niemand eine Möglichkeit hat, auf sie Einfluß zu nehmen.

Es ist auch keineswegs so, daß das Interesse des Durchschnittsdeutschen nur den Vorgängen, außerhalb unserer Grenzen gälte. Die Frage der Demontagen und Restitutionen hat in Deutschland nicht nur Interesse, sondern Erregung hervorgerufen. Die Sprengung von Werften, Docks, Kränen, Fabrikhallen, der Abbau ganzer Industrien, die Behinderung des Fischfangs, das Verbot der Walfängerei, all dies/hat dazu geführt, daß nicht nur die Maßnahmen, sondern auch das Recht, sie anzuordnen und durchzuführen, kritisiert und in Frage gestellt worden sind. Man könnte zwar einwenden, daß dies alles politische Geschehnisse seien, die entweder das Schicksal ganzer Berufsschichten betreffen oder aber nationale Instinkte wecken, und dadurch Proteste hervorrufen. Doch ist dies nur zum geringen Teil richtig, die Reaktion entsprang auch echt politischem Denken. Die meisten nämlich suchten Erklärungen für die Zerstörungen, die ihnen sinnlos schienen. Sie fragten nach den Motiven, die solchen Befehlen zugrunde liegen könnten. Die einen meinten, dahinter stehe die Furcht, daß bei einem kommenden Kriege wertvolle Anlagen in die Hände der Sowjetrussen fallen würden. Andere suchten die Ursache bei der Konkurrenzangst in England und Frankreich. Manche kamen Zu dem Ergebnis, daß hauptsächlich eine Trägheit des Denkens bei den Alliierten vorliege, eine Unfähigkeit, sich den neuen politischen Verhältnissen anzupassen, die durch das Eindringen der Sowjetrussen in Europa geschaffen worden sind. Man kann über die Richtigkeit solcher Gedankengänge verschiedener Meinung sein, eines aber ist unbezweifelbar, daß all diese Reaktionen nicht einfach emotionell waren, nicht dem nationalen Stimmungsbereich angehörten, sondern einem Versuch entsprangen, politisch zu denken.

Es ist also nichts mit der so oft versuchten Generalisierung, die Deutschen seien von Natur unpolitisch. Sie haben in den letzten dreißig Jahren nur zu genau erfahren, daß die Politik nach den Worten Napoleons, wenn auch nicht so, wie er es gemeint hat, das Schicksal der Menschen ist, und so haben sie denn gelernt, sich mit ihr zu beschäftigen. Dennoch ist nicht zu leugnen, daß es einen Sektor der Politik gibt, den wirklich viele Deutsche mit Unlust betrachten: das Gebiet der deutschen Innenpolitik.

Eigentlich ist dies sehr sonderbar. Deutschland Ist ein besetztes Land. Es hat infolgedessen keine volle Souveränität. Nach der Kapitulation fehlte deutschen Stellen überhaupt jegliche Möglichkeit, politische Entscheidungen zu treffen. Allmählich ist hier ein gewisser Spielraum für die Deutschen gewonnen worden, er wird erheblich wachsen, sobald Grundgesetz und Besatzungsstatut in Kraft treten. Ihn überhaupt erst einmal zu schaffen und danach zu vergrößern, war eine Aufgabe, um die sich deutsche Politiker innerhalb und außerhalb der Parlamente und Parteien sehr eifrig und keineswegs ohne Erfolg – allerdings nur im Westen – bemüht haben. Dieses Spiel und Gegenspiel war – wie hätte es anders sein können – spannend, und doch hat es nur geringen Widerhall bei der deutschen Beölkerung gehabt. Wie ist das möglich gewesen? Sollte unsere Behauptung, daß die Deutschen keineswegs unpolitisch seien, doch nicht zutreffen?

Nun, dazu ist zunächst festzustellen, daß dieses Ringen um größere politische Rechte sich meist im Verborgenen abspielte. Es war mühsame Kleinarbeit, und erst wenn am Schluß das Mosaik zusammengesetzt ist, kann man einen Überblick gewinnen über das, was geleistet wurde. Das aber gleicht dann nur noch einer Meldung über etwas, das bereits vollzogen ist. Den eigentlichen politischen Kampf, der um jeden Stein gegangen ist, und der für den inneren Kreis ungeheuer interessant war, kann ein Außenstehender kaum miterleben. Das bedeutet aber, daß es in allen wichtigen Fragen eine Innenpolitik, die dem demokratischen Grundsatz entspräche, daß sie sich vor aller Augen vollziehen soll, bisher nicht gegeben hat.

Dies wird dadurch noch kompliziert, daß im Westen vier Jahre lang eine eigentliche Besatzungspolitik nicht existierte. Sie war uneinheitlich, widersprüchig, sie setzte sich aus Kompromissen zusammen zwischen den Ansichten dreier Militärgouverneure, die entgegengesetzte Anweisungen von ihren Regierungen erhielten. Sie war ferner in starkem Maße abhängig von unteren Militärbeamten, gegen deren sachliche und moralische Qualität sich hin und wieder Zweifel erhoben. Dies letztere allerdings ist eine Erscheinung, die keineswegs nur auf eine Seite beschränkt ist. Sie kommt bei den deutschen Politikern und Beamten ebenfalls vor. Und nun finden sich bisweilen gleiche Brüder zusammen und handeln gemeinschaftlich hinter den Kulissen dem entgegen, was in öffentlichen Beratungen beschlossen worden war. Da kommt etwa plötzlich wenige Tage bevor das entsprechende Gesetz im Wirtschaftsrat verabschiedet werden soll, ein Ukas der Militärregierungen über ein Beamtengesetz heraus. Es wird den deutschen Abgeordneten als Befehl übermittelt, ihre Beteuerung, daß sie in wenigen Tagen selbst ein endgültiges Gesetz beschließen würden, wird als Heuchelei abgetan. Und dabei gleicht bis auf wenige Einzelheiten das neue Gesetz genau dem deutschen Entwurf.

Es gibt manche, besonders im Ausland, die der Meinung sind, die berühmte „Umerziehung“ des deutschen Volkes habe infolge solcher Methoden zu nichts anderem geführt, als die Deutschen da-von zu überzeugen, daß auch die Demokratien sich nur mit Hilfe autoritärer Regierungsweisen am Leben erhalten. Ein solches Urteil über die Meinung der Deutschen ist falsch. Sie haben – wie sollte es nach ihren Erfahrungen anders sein – ein sehr gutes Gefühl für ein echtes und unechtes – nur scheinbar – autoritäres System. In der Ostzone, in der sie einer echten Diktatur begegnen, ist ihre politische Haltung ganz entschieden, ist ihr politisches Interesse durchgehend lebendig und stark. Hier sind auch die Fronten klar und scharf herausgearbeitet. Eine kleine Minderheit hat sich mit Haut und Haar den sowjetischen Tyrannen überantwortet, der Rest steht in Opposition, schweigend oder auch – was bewundernswert ist – im tätigen Einsatz. Im Westen ist eine solche Opposition nicht vorhanden trotz mancher autoritärer Methoden der Militärregierungen. Statt dessen gibt es hier eine Unlust an der Politik. Man weiß, daß die Westmächte immer noch demokratisch sind, daß sie bereit sind, dem tartarischen Despotismus mit allen Mitteln zu widerstehen, doch weiß man gleichzeitig auch, daß ihre Methoden ihren Idealen nicht immer entsprechen. Es genügt hier, auf die Willkür der Grenzveränderungen hinzuweisen. Allzuoft wurden deutsche Politiker nur als Befehlsempfänger behandelt. Zudem tragen sie auch noch in den Augen der deutschen Öffentlichkeit – völlig sinnloserweise – die Verantwortung dafür, daß beschlossene Gesetze nicht in Kraft treten, daß, um wenige Beispiele zu erwähnen, etwa die Entscheidung über das erste Gesetz zum Lastenausgleich in unerträglicher Weise monatelang von den Alliierten verschleppt worden ist oder das Gesetz über die Soziallasten mit unzureichenden Begründungen von irgendwelchen mittleren Instanzen abgelehnt wurde.