Als Veit Harlan nach der Urteilsverkündung den Gerichtssaal verließ, brachte ihm das Publikum Ovationen dar. Der stürmische Beifall für diesen Mann ist ebenso fehl am Platze wie entrüstete Proteste, die sich gegen den Freispruch richten. Beides zeigt, daß dieser Prozeß die bei uns vorhandene Begriffsverwirrung nur noch geweigert hat. Es wäre besser, er hätte niemals stattgefunden. Es wäre bedauerlich, wenn eine hartnäckige Staatsanwaltschaft erreichen würde, daß Im Revisionsverfahren dieser strafrechtliche Versuch am untauglichen Objekt zum zweitenmal in Szene gesetzt wird.

Das Hamburger Schwurgericht, das sich aus (drei Berufsrichtern und sechs Laienrichtern zusammensetzte, hat keine Beweise dafür gefunden, daß Veit Harlan im Sinne des geltenden Gesetzes ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe. Danach ergab sich zwangsläufig ein Freisprach. Aber es wäre grundfalsch, hieraus zu folgern, daß der freigesprochene Filmregisseur nun auch menschlich und moralisch schuldlos sei. Vielmehr verhält es sich ja gerade so, daß Veit Harlans Schuld zwar vorhanden, aber strafrechtlich nicht zu fassen ist. Sie besteht darin, daß er durch sein Wirken im „Dritten Reich“, insbesondere durch seine Filme „Jud Süß“ und „Kolberg“, der Nazipropaganda unverzeihliche Dienste geleistet hat. Der Freispruch hat hieran nichts geändert. Man muß es mit aller Deutlichkeit sagen: Veit Harlan ist nicht rehabilitiert. Wer ihm heute zujubelt, hat nicht begriffen, daß moralische und kriminelle Schuld zwei verschiedene Dinge sind. Und wer heute gegen den Freispruch protestiert, hat dies ebensowenig begriffen.

Der Fall Veit Harlan ist also keineswegs abgeschlossen. Er muß als ein Schulbeispiel moralischer Schuld von der falschen Instanz des Schwurgerichts an die richtige Instanz der öffentlichen Meinung weitergegeben werden. Die Skeptiker behaupten, so etwas gäbe es nicht in Deutschland. Nun, dann muß eine öffentliche Meinung geschaffen werden, denn der Strafrichter kann sie nicht ersetzen. Am besten allerdings wäre es, wenn Veit Harlan genügend Einsicht und Bescheidenheit aufbrächte, um von sich aus auf weitere Harlan-Filme zu verzichten. Das würde uns einige Mühe ersparen. Fr.