Ich wurde vor eine große schwarze Tafel geführt. Ich sträubte mich, aber die unsichtbare Hand ließ mich ihre Befehlsgewalt mit sanftem Druck spüren. Die leere Schwärze flößte mir Furcht ein. Auch war ich sehr erregt, denn ich wußte, was mir bevorstand. Es würde von mir verlangt werden, daß ich die leere Tafel vollschriebe mit Dingen, die ich wußte oder wahrscheinlich auch nicht, wußte. Und es war die Prüfung, auf die es ankam.

Eine Stimme, von der ich nicht ausmachen konnte, ob sie aus der Höhe oder aus der Tiefe kam, sagte: „Schreibe das A und das Ol“ Ich schrieb es. Die Stimme sagte: „Schreibe die Zahl pi!“ Ich schrieb sie. Die Stimme sagte: „Schreibe das Kreuz!“ Ich schrieb es. Die Stimme sagte: „Schreibe das Lichtjahr, die Elementenreihe, das Geburtsjahr Platons, die sechste Seligpreisung, das Zeichen Unendlich, das Gewicht der Erde, die Strophe des Alkaios, das Alter der Sonne, die Zahl der Blütenblätter der Anemone, die Formel des Nitroglycerins, die Wellenlänge des Rot, den Namen des zweiten Erzengels, die tiefste Tiefe des Meeres, den kategorischen Imperativ, das Coulombsche Gesetz ...“

Ich schrieb und schrieb. Die weiße Kreide stäubte mir über die Hand, die Tafel füllte sich. Eine kühle Zuversicht machte mich stark. Es gab kein Stocken, mir schien fast, meine Hand wüßte mehr als mein Kopf. Die Stimme forderte, die Hand gab es. „Qualis discipulus!“ frohlockte es in mir.

Die Stimme sagte: „Schreibe das Herz!“ Es war, als führe ein Krampf in meine Hand, Die Finger zitterten. Wenn ich auf ein Zeichen eingeübt war, so doch auf dieses! Ich wußte es doch besser als jedes andere! Aber die Hand gab es nicht her. Die zitternden Finger gehorchten nicht. Was sie hinschrieben, war eine traurige bucklige Null. An ihr zerbrach mir die Kreide,

Die Stimme sagte: „Nicht bestanden! Zur Wiederholung zugelassen in hundert Jahren.“

Und ich ward hinter die Tafel geführt. Da sah ich: alles, was ich auf die Vorderseite geschrieben hatte, die Zeichen und Zahlen, die Formeln und Figuren, waren auf die Rückseite durchgeschlagen. Da stand es in Spiegelschrift, aber nicht weiß, sondern rötlich glimmend, und das Geschriebene begann sich zu bewegen, zu kreisen, als suche es eine Ordnung. Ich sah das mißratene Herz an; es versuchte, in den Schwarm der Zeichen einzudringen; ich wußte: es wollte den Mittelpunkt gewinnen. Aber die Zahlen und Zeichen, die Figuren und Formeln stießen es ab und immer wieder aus sich heraus. Zusammenschrumpfend sank es nach den unteren Tafelrand.

Ich nahm meine Schülermütze vom Kopfe, deckte sie über die Augen und weinte.