Vor einiger Zeit stand an dieser Stelle da kurzer Aufsatz mit der Überschrift „Mut zum Optimismus“. Es war darin die Rede von Minister Hynd, der kurz vorher dem Potsdamer Industrieplan ein „Begräbnis dritter Klasse“ – wie wir es charakterisierten – zugedacht hatte; die Erhöhung der Rationssätze von 1050 auf 1550 Tageskalorien wurde besprochen, die Chance einer Steuerreform und, als vichtigster Punkt, die von britischer Seite damals erneut (für „bald“) angekündigte Geldneuordnung. Das war also im August 1946. Alles hat ein wenig länger gedauert, als damals vorauszusehen war. Aber die Tendenz, der an der Möglichkeit einer Weiterexistenz zweifelnden und angesichts solch katastrophaler Verhältnisse fast verzweifelnden Wirtschaft zuzureden, sie möge den Mut zum Optimismus finden, war ja doch wohl richtig.

Heute wäre man fast versucht, den alten Titel wieder hervorzuholen und den Männern der wirtschaftlichen Praxis mit neuen, ins Zeitgemäße übersetzten Argumenten die gleichen Ermahnungen zu predigen. Die objektiven Tatbestände, so müßte gesagt werden, rechtfertigen ja keineswegs die defaitistische Psychose, die allenthalben anzutreffen ist. Das muß, bei einigermaßen ruhiger Überlegung, wohl jeder zugeben, der ein Urteil über wirtschaftliche Zusammenhänge hat. Was wir erleben, ist nichts anderes, als eine durchaus normale, in ihren Ursachen klar überschaubare Konjunkturflaute: nachlassende Kaufbereitschaft der Verbraucherschaft nach einer Zeit übersteigerter Nachfrage, deshalb sinkende Preistendenz und, bei relativ gut versorgten Lägern, geringe Liquidität, schleppender Zahlungseingang, „Geldmangel“. Dabei ist mehr Geld denn je im Umlauf: daran kann es also nicht fehlen, sondern „nur“ an der zahlungsfähigen Nachfrage. Also ist es falsch, nach „mehr Krediten“ zu rufen. Nicht die Kredite fehlen, sondern der Kredit ist notleidend geworden: das Vertrauen (so heißt ja wohl „Kredit“) fehlt: das Vertrauen darauf, daß der Partner, der Kunde, der Abnehmer pünktlich seinen Verpflichtungen werde nachkommen können, daß er sich überhaupt in seiner wirtschaftlichen Existenz werde behaupten können. Wenn man nach dem allgemeinen Gespräch von heute urteilen würde, dann „wackeln“ ja wohl alle Unternehmungen... Durch dieses uferlose Geschwätz wird also gerade das zerredet, was heute wirklich gebraucht wird, um das Abgleiten in eine Panik zu verhüten: der individuelle Kredit, der Kredit jedes einzelnen Unternehmens, und damit wird die Kreditsituation insgesamt ausgehöhlt,

Worauf beruht dies nun letzten Endes? Das läßt sich auf eine sehr einfache Formel bringen: die ganze Generation der heute in der Wirtschaft Tätigen ist nicht mehr an Zeiten und Erscheinungsformen rückläufiger Konjunktur gewohnt; sie kennt dergleichen nicht mehr – seit mit den Finanzierungsmethoden der dreißiger Jahre zunächst die Arbeitsbeschaffung und dann die Wiederaufrüstung über die Zeitbühne gegangen ist und eine ständige Nachfrage-Konjunktur ermöglicht hat, die zuletzt, nach Kriegsende, in eine (monetär bedingte) Übernachfrage ausgemündet ist, die ihrerseits dann auch noch, wiederum monetär bedingt, eine gute Zeitspanne über den 20. Juni hinaus fortgesetzt blieb.

Nach fünfzehn Jahren ist das Umlernen gewiß nicht leicht. Aber „die Alten“, die noch wissen, wie schwer es ist, in den „normalen“ Zeiten flauen Geschäfts zu bestehen, sollten nun endlich einmal von ihren Erfahrungen sprechen, von „damals“, und nicht die Psychose noch dadurch steigern, daß sie in das allgemeine Gerede über bevorstehende Zusammenbrüche einstimmen und keinen besseren Rat wissen, als nach Durchhalte- und Stützungskrediten zu rufen. Die Hilfe kann nicht über zusätzliche Kredite und zusätzliche Kaufkraft kommen, sondern nur aus der Bereitschaft, sich mit den Gegebenheiten der Leistungskraft unsrer Produktion abzufinden, die zugleich die Kaufkraft der Konsumentenschaft bestimmt und begrenzt. Daß daneben die in den Kassen der öffentlichen Hand liegenden Gelder und die aus den Importerlösen der JEIA und der ERP stammenden Mittel aus ihrer Sterilisierung befreit und in Anlagekredit verwandelt werden müssen, ist freilich richtig, ebenso wie die Forderung nach einer wirklichen Steuer- und Verwaltungsreform. Denn die „kleine“ Steuernovelle, die nun doch Gesetz geworden ist, befriedigt wohl die Finanzminister (und allenfalls die Herren von Bipartite), verhilft aber den Menschen in der Wirtschaft nicht zu einem neuen Impuls. Und über die öffentlichen Haushalte, einschließlich die Besatzungskosten, werden noch Hunderttausende „durchgeschleppt“, das heißt in nicht (oder nicht hinreichend) produktiver Tätigkeit erhalten: beschäftigt ohne volle Leistung, ernährt und bekleidet und in Wohnungen untergebracht, ohne dafür ein volles Äquivalent in einem entsprechenden Anteil am Sozialprodukt zu bieten. Das ist eine Leistungsreserve, die auch eines Tages aktiviert werden muß. E. T.