War das Leben in der Tschechoslowakei schon vor dem kommunistischen Umsturz verhältnismäßig teuer, so ist es seither noch viel teurer geworden. Und dabei hat sich die Qualität der wichtigsten Gebrauchsgüter sehr verschlechtert. Noch nie war der allgemeine Lebensstandard in diesem Land so niedrig wie jetzt. Man braucht nur in irgend ein Textilgeschäft zu gehen und sich die gähnend leeren Regale anzuschalten, und man hat den ganzen Unterschied gegen früher vor Augen. Daß die Leute auf der Straße, zumal die Frauen, noch ziemlich gut gekleidet sind, ist auf Einkäufe vor dem Umsturz zurückzuführen. Inzwischen sind aber die alten Rohstoffvorräte, die UNRRA-Importe, aufgebraucht, und die weitere Zufuhr stockt.

Noch deutlicher sieht man das Absinken des Lebensstandards an einem anderen Beispiel. In den böhmischen Haushalten spielte der Zucker immer eine große Rolle, denn man war in diesem zuckerreichen Land nicht gewohnt, die Mehlspeisen sparsam zu süßen. Heute bekommt ein tschechischer Haushalt auf Lebensmittelkarten um ein Drittel weniger Zucker als der Normalverbraucher in der Doppelzone. Aber diese Verteuerung und Verschlechterung der Lebensbedingungen sind nicht die einzigen und auch nicht die wichtigsten Gründe der allgemeinen Unzufriedenheit. Der Tscheche liebt eine demokratische Lebensfasson. Sein Respekt vor der Obrigkeit war auch in den besten Zeiten der staatlichen Selbständigkeit mit gesunder Skepsis gemischt und man pflegte in der Kritik an den öffentlichen Einrichtungen sehr freimütig zu sein. Nun spielt sich dort der gleiche Prozeß des Mundtotmachens ab, den wir aus eigener Erfahrung kennen. Genau so wie einst im Dritten Reich herrscht jetzt auch in der Tschechoslowakei das Mißtrauen aller gegen alle.

In den Dörfern zittern die Bauern vor den „Aktionskomitees“, die Stall und Scheunen durchsuchen und durch Drohungen und Waffen jeden Protest bei ihren willkürlichen Beschlagnahmungen ersticken. Diese Aktionskomitees maßen sich immer umfangreichere Aufgaben an. Es gibt genug Leute, denen der bessere Anzug allein schon als Kennzeichen der schlechteren Gesinnung gilt, und sie sind nur allzugern bereit, den richtigen Mann davon in Kenntnis zu setzen, daß der da oder die dort zu gut gekleidet gehe. So wird der Neid immer mehr zum Maßstab der Dinge, auch in den privatesten Bereichen. Deshalb ist man in der Auswahl seines Umganges wie in seinen Äußerungen sehr vorsichtig geworden und der „deutsche Blick“, den man uns von tschechischer Seite einst so gern vorgeworfen hat, war in Böhmen noch nie so sehr landesüblich wie seit der Vertreibung der Deutschen. Kürzlich sagte ein Tscheche zu einem unserer Gewährsmänner: „Wir haben nie verstanden, wie dieser Hitler ganz Deutschland unter seine Knute bringen konnte und warum sich die Deutschen gegen ihn nicht gewehrt haben. Jetzt wissen wir es.“

Ja, jetzt ist es drüben so, wie es einst bei uns war. Mag die Zivilcourage in der Demokratie gesellschaftlichen Vorurteilen trotten, auf die Probe einer tyrannischen Staatspolizei im totalitären-Staat gestellt, zeigt sie sich, nicht nur in Deutschland, im verständlich Menschlichen befangen. So wie einst bei uns Hunderttausende in die NSDAP eintraten oder sich jetzt in der Ostzone der SED verschreiben, so haben sich in der Tschechoslowakei alle, die irgend etwas zu verlieren haben, und sei es auch nur das bescheidenste Pöstchen, in den letzten Monaten zur kommunistischen Partei gedrängt. Eine Angestellte in mittleren Diensten in Prag ließ alle ihre Beziehungen spielen, um dieses Ziel zu erreichen. Zu Hause aber, zwischen ihren vier Wänden, schimpft sie vor ihren Vertrauten über den Kommunismus, wie es wohl unter den gleichen Voraussetzungen die meisten tun werden.

Die sogenannte passive Resistenz ist, wenn auch von ihr viel geflüstert wird, praktisch kaum bemerkbar. Die meisten fürchten offenbar, sie könnten irgendwie entdeckt werdet. Nur wenn größere Massen zusammenkommen, wie zum Beispiel beim Sokolfest, kann man auch oppositionelle Zwischenrufe hören. In den kommunistischen Schulungskursen werden Masaryk und Benesch als „Bourgeois“ und „unechte Demokraten“ beschimpft; vor der Öffentlichkeit allerdings hält man diese Behauptung vorläufig noch nicht für opportun. Die Propaganda bedient sich der gleichen primitiven Vergrößerungen und Entstellungen wie in jedem totalitären Staat. Seitdem Tito von der Stalinschen Generallinie abgewichen ist, wird den Jugoslawen kurzweg die rassische Zugehörigkeit zur slawischen Völkerfamilie abgesprochen. Hingegen werden die Ungarn, unbeschadet ihrer mongolischen Abstammung, zu Slawen gestempelt. Ob man auch schon die Deutschen der Ostzone als Slawen betrachtet, darüber scheinen sich die Arrangeure der Propaganda untereinander noch nicht einig zu sein.

Man fürchtet, wie anderwärts auch, einen kommenden Krieg, aber man fürchtet besonders, daß dann die Sudetendeutschen heimkehren könnten, und bei dieser Vorstellung bangen viele Tschechen um ihren unrechtmäßig erworbenen Besitz. Die kommunistische Propaganda weiß diese Furcht geschickt für ihre Zwecke auszunutzen. In einem Ort des ehemaligen Schönhengst besuchte ein aus Gefangenschaft entlassener Bauer, bevor er nach Deutschland ging, mit behördlicher Genehmigung noch einmal für wenige Tage seinen früheren Hof. Der neue Besitzer nahm ihn sehr freundlich auf und bewirtete ihn generös. Als er sich aber wieder auf den Weg machte, da sagte er ihm, er hätte eine kleine Bitte. Er möge ihm doch auf einem Blatt Papier bescheinigen, daß er ihn so gut aufgenommen habe, denn man könne ja doch nicht wissen ... Auch die Ausstellung von „Persilscheinen“ hat, wie man sieht, ihre internationalen Spielregeln. Sie haben sich seit der Nazizeit noch vervollkommnet.

Im allgemeinen ist das Ressentiment gegen die Deutschen zwar geringer geworden, aber immer noch sehr groß. Eine Tschechin, die lange vor dem Krieg einen Deutschen geheiratet hatte, der dann in der Familie gut gelitten war, wollte, nachdem sie jahrelang vergeblich auf eine Wiedervereinigung mit ihm in der Heimat gehofft hatte, ihrem Mann mit den Kindern nach Deutschland nachfolgen. Sie kam deswegen nicht nur mit den Behörden, sondern auch mit ihren nächsten Angehörigen in die schwersten Zerwürfnisse. Kaum einer hatte Verständnis für ihren menschlich so begreiflichen Wunsch. Ein öffentlicher Funktionär, ein Klerikaler sogar, fragte sie verwundert, warum sie denn nicht mit einem Tschechen in der Heimat „leben“ wolle. Später einmal könnte sich ja noch immer Gelegenheit zu einer Vereinigung mit dem Familienvater finden. Eine Zeitlang war sie nur deshalb, weil sie einen Deutschen geheiratet hatte, in einem Lager festgehalten worden. Daß man sie freiließ, verdankte sie nicht zuletzt dem Eifer ihrer Mutter, die gegen die zehn Stimmen mißgünstiger Nachbarn und Nachbarinnen, welche zu Protokoll gegeben hatten, sie hätte im Kriege „typisch deutsche Hoffart“ und andere ähnliche Eigenschaften bewiesen, elf Stimmen gesammelt hatte, die ihr ein tschechenfreundliches Verhalten bestätigten. Das gesunde Volksempfinden ist also auch in anderen Ländern nicht differenzierter ausgeprägt als bei uns. Ja, wir kennen das alles aus langer schmerzlicher Erfahrung. Daß es nun auch andere kennenlernen, die sich noch vor gar nicht so langer Zeit gerühmt hatten, ihnen seien schon die soziale und politische Struktur und die geistige Haltung des Volkes Bürgschaft gegen die Tyrannei, ist ein Anschauungsunterricht, aus dem diejenigen etwas lernen sollten, die noch heute so wenig Verständnis dafür zeigen, wie es zum Ausbruch der Hitlerei gekommen ist, und welche Widerstandsmöglichkeiten es in ihrem Bereich gab, beziehungsweise nicht gab. R. S.