Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Ende April

Schon als einzelne Abteilungen der heutigen „Deutschen Wirtschaftskommission“ in der Ostzone noch Zentralverwaltungen hießen, wurde der Öffentlichkeit die Existenz einer dieser Regierungsinstanzen verschwiegen: Die Zentralverwaltung des Inneren. Sogar die Wahl ihres Sitzes entfernte sie von den anderen Verwaltungen. Sie residiert nämlich nicht im ehemaligen Luftfahrtministerium in der Wilhelmstraße, wie alle anderen Zentralinstanzen, sondern sie hat ihr Domizil in Berlin-Wilhelmsruh aufgeschlagen und trat seit jeher bei keiner Veranstaltung der Zentralverwaltungen, bei keinen Etatsberatungen, bei keinen Besprechungen und Konferenzen in Erscheinung. Ihre zunächst anonyme Funktion war um so auffälliger, als für gewöhnlich alle Gründungen der Sowjetzone nach östlichem Brauch von einem lange anhaltendem Wirbel der Kommentare, Erläuterungen und Lobpreisungen begleitet werden. Auch nach der Umordnung der Zentralverwaltungen in Hauptabteilungen der Wirtschaftskommission nahm sich noch immer kein öffentlicher Kommentar der Zentralverwaltung des Inneren an. Doch in internen Anweisungen der Ostbehörden tauchte jetzt häufiger und häufiger die Anordnung auf, daß zu diesem oder jenem meist personellen Akt erst die Entscheidung der Zentralverwaltung des Inneren einzuholen sei.

So ist diese Zentralverwaltung heute die entscheidende politische Klammer der Sowjetzone geworden, ohne daß die Öffentlichkeit von ihrem Dasein überhaupt in Kenntnis gesetzt worden ist. Man begreift das sofort, wenn man vergleicht, in welch hohem Grade die Funktionen Berijas in der Sowjetunion geheimgehalten werden. Und ähnliche Aufgaben wie die der sowjetischen Sicherheitsbehörde und des sowjetischen Innenkommissariats wenden der Zentralverwaltung des Inneren zuzuschreiben sein. Sie hat die Hoheit über die gesamte Polizei der Sowjetzone, deren gesamtzonaler Apparat gegenwärtig intensiv ausgebaut wird. Die Innenminister der fünf ostzonalen Länder kommen zu regelmäßigen Konferenzen in der Zentral Verwaltung des Inneren zusammen, und sie stehen durch ihre Verbindung mit der ZDI in den wichtigsten Punkten ihrer Amtspflichten außerhalb des Länderreglements.

Die personelle Zusammensetzung des großen Apparates dieser Zentralverwaltung, die Fäden, die er über die Zone und über sie hinaus nach Ost und West gespannt hat, und die polizeilichmilitärische Ungewißheit, die über seinen Funktionen überhaupt liegt, sind offiziell unbekannt. Während in den Zentralgremien der Ostzone immer der Anschein einer gewissen parteipolitischen Parität gewahrt wird, ist die Zentral Verwaltung des Inneren eine ausschließlich kommunistische Instanz. Ihr Präsident, Dr. Fischer, der frühere Innenminister von Sachsen, mit seiner reichen Schulung in Moskauer Kader- und Kampfschulen, seinen umfangreichen Emigrationserfahrungen in der Sowjetunion und China, darf als Prototyp der hier tätigen Funktionäre gelten. Hier sind nicht einfach die ideologischen Kommunisten der bekannten politischen Arena Abteilungschefs, sondern die in allen Formen des Terrors und des Kampfes erprobten Strategen der Moskauer Schule. Es paßt zu der Bedeutung dieser Instanz, daß sie aufgefüllt worden ist mit einer Gruppe ehemaliger deutscher Militärs, die auf dem Wege über die Gefangenschaft in der Sowjetunion zu Technikern des kommunistischen Sicherheitsdienstes geworden sind.

Diese Verwaltung also hat die Gewalt über die Polizei der Sowjetzone. Ihre Stärke steht in keinem Etatsanschlag; ihre Bewaffnung, ihre Ausbildung ist aus keinem Formblatt ersichtlich. Alle diese Dinge bleiben selbst den Instanzen der Wirtschaftskommission verborgen. Art der Auswahl der Polizeianwärter, die nun ganz Aufgabe der ZDI ist, Pläne zu einem Polizeizwangsdienst, der gegenwärtig erörtert wird; alles das und vieles andere bleiben Geheimnis des Hauses in Wilhelmsruh. Dies natürlich, nachdem sie mit den entsprechenden Organen des Politbüros geklärt sind. Und mehr noch: Die ZDI muß als der direkte verlängerte Arm der sowjetischen Sicherheitsabteilung in der Ostzone und ganz Deutschlands gewertet werden. Sie untersteht unmittelbar der SMA ohne jede deutsche Zwischenschaltung. Alle Mutmaßungen über die gegenwärtige oder die beabsichtigte Stärke der Polizei in der Ostzone werden also unter diesem Aspekt gesehen werden müssen.

Es steht außer jedem Zweifel, daß mit der Zentralverwaltung des Inneren und der damit gegebenen Polizei- und Sicherheitsgewalt die Sowjetzone den weitesten Schritt zur Sowjetisierung Deutschlands diesseits der Elbe getan hat.