Aus der Geschichte der Karikatur

Von Karl N. Nicolaus

Man hat falsche Vorstellungen! Wenn unsereins zum Beispiel hört, daß die „großen Könige“ einst „Konkubinen“ oder „Mätressen“ hatten, so zuckt er richtig zusammen bei diesen Worten für eine Sache, die es heute nicht mehr gibt. Und dabei war die Mätresse einst eine staatliche Einrichtung, wie es etwa für uns heute das Wirtschaftsamt ist: kostete viel Steuergelder und redete überall drein.

Jahrhundertelang war die Position der Mätresse eine Selbstverständlichkeit, eine Starrolle erster Klasse, nur vergleichbar mit den tragenden Figuren berühmter Ausstattungsrevuen. Und wenn eine Dame Mätresse wurde, so gratulierte man ihr, wie man heute einem Mädchen gratuliert, das die Hauptrolle in einem Monumentalfilm ergattert hat. Es ist uns durch Zufall der Brief überkommen, den der Schwiegervater der Madame de Montespan geschrieben hat, als sie die Mätresse des Sonnenkönigs Ludwig XIV. geworden war: „Gott sei gepriesen; das ist das Glück, das in das Haus einzutreten beginnt...“ Aber weil die erotische Ausstattungsrevue so viele teure Requisiten erforderte, wandte sich der Volkszorn, der die Könige kritisierte, in besonderer Weise gegen die Mätressen. Man machte über sie so viele Witze, wie sie im „Dritten Reich“ über Hitler und Goebbels im Schwange waren.

Es gibt nicht nur eine illegale Literatur aus der Zeit des „Dritten Reiches“, es gibt eine große illegale Literatur, die besonders in Frankreich unter Ludwig XIV. bis zur Französischen Revolution und dann später über die Restaurationszeit bis zu Napoleon III. das erotische Leben der Potentaten behandelte. Die Chansons gegen die Pompadour, gegen die Dubarry, gegen Madame de Falari (die Geliebte Philipps von Orleans zur Zeit seiner Regentschaft), gegen die Deschamps, gegen die Astraudi, gegen die Fretillom, gegen Anne de Pisseleu und Odette de Champdivers, und wie die fragwürdigen Gestalten alle hießen, würden Bände füllen. Aber sie mußten illegal bleiben; sie wurden in Schenken gesungen, wenn die Becher kreisten, und wanderten von Mund zu Mund. Manche wurden aber auch gedruckt, und die Zeichner steuerten Karikaturen bei.

Ein gefährliches Schmähgedicht

So thront die berühmte Madame de Maintenon, die Mätresse Ludwigs XIV., auf einer Karikatur aus der Zeit des Sonnenkönigs über der Erdkugel, die vom König Ludwig XIV. und von seinem Enkel Philipp, den er auf dem spanischen Thron etabliert hatte, in zwei Teile zersägt wird. Dies geschah sozusagen unter dem Protektorat der Dame. Die Maintenon sieht auf diesem Spottbild ganz passabel aus. Gar nicht wie die drastische Liselotte von der Pfalz, die mit ihr am Pariser Hofe lebte, sie beschreibt: „... die alte Zott, die alte Rombombel, des großen Mannes alte Hutzel...“