„... die Unterscheidung nach Mensch und Unmensch, womit allerdings bei keiner Partei, die es auf der Erde gibt, Beifall zu holen ist, und doch müßte diese Unterscheidung, wie ich glaube, unser erstes Anliegen sein, auch wenn das Forum, das sich dafür finden läßt, immer schmaler wird.“ Mit diesen Worten zu seinem Schauspiel wendet sich Max Frisch gegen die von ihm erwartete „freundlichste Form des Vorurteils“, die das Mißverständnis beginge, in diesem Stück eine Auseinandersetzung von Ost und West sehen zu wollen. Die Geschichte dieses Stückes, die der Autor – wie alle anderen darin enthaltenen Begebenheiten – der Wirklichkeit entnommen hat, ist die folgende: Im Keller eines Berliner Hauses befinden sich außer den eingedrungenen Russen im Oberstock, zwei Frauen, ein Kind und ein einarmiger deutscher, aus russischer Gefangenschaft entflohener Hauptmann. Agnes, die Frau dieses Hauptmann Anders, hat erst vor Stunden ihren Mann wiedergefunden. In ihre Angst und ihre Fluchtpläne hinein stolpert nichtsahnend eilte russische Ordonnanz, ein polnischer Jude, ein Überlebender von Warschau. Agnes, die ihren Mann und die andern versteckt hat, willigt, um sie zu retten, in seine Aufforderung ein, zu dem russischen Oberst zu gehen. Er wird ihr als ein Mann geschildert, der die deutsche „Kultur“ liebt: Goethe, Beethoven, Karl Marx und Ossietzky. Aber er kann kein Deutsch. Bei der ersten Begegnung, in der der Russe sie vor seinen Kameraden schützt, kommt es zu einem erschütternden Monolog der Frau. Und nicht – nur um ihren Mann zu retten, sondern aus Liebe geht sie drei Wochen lang zu dem – Obersten hinauf. Durch eine der uns allen bekannten Denunziationen wird schließlich die Selbstentlarvung des Hauptmanns beschleunigt, der seiner Frau verschwieg, daß er zu denen gehörte, die in Warschau die dort begangenen verbrecherischen Erschießungen kommandierten.

Nach einem ergreifenden Auftritt zwischen dem – Juden und dem Deutschen verläßt der russische Offizier – zutiefst in seinem Vertrauen erschüttert – das Haus, ohne die erwartete Rache zu üben.

Das gleiche Haus wird ein Jahr später unter amerikanischer Besetzung gezeigt. Alles, was dort geschieht, ist uns – angefangen von den Amerikanern und ihren Veronikas bis zu den veränderten Deutschen – bekannt. Es wird meisterhaft wiedergegeben. Der Dichter wendet sich gegen die Denkart, die uniformieren und schablonisieren will, weil sie unaufhaltsam zum Unmenschlichen führt. Der Quäker-Journalist, den er auftreten läßt, bringt unser aller Zwiespalt zum Ausdruck: Wenn wir das Vertrauen zu den Menschen verloren haben, wie können wir uns selber vertrauen? Nachdem er die Schrecken von Warschau besichtigte, zweifelt er an allem. Sein Glaube reicht nicht mehr aus: Oft habe ich das Gefühl, der wirkliche Schrecken hat uns noch gar nicht erreicht!

Die großartige erschütternde Aufführung, die wohl wichtigste Veranstaltung auf der Woche der Schweiz in Stuttgart (einige Gemäldeausstellungen, Ausstellungen von Büchern Schweizer Autoren vervollständigten die Festtage), begeisterte das Publikum. Das sollte – so möchte man hoffen – den Autor und dieses ungewöhnliche Schauspielerensemble und seinen Leiter Kurt Hirschfeld bestimmen, vielen Deutschen in möglichst vielen Städten diesen packenden Appell an die Menschlichkeit, an das Ethische und Humane zu vermitteln, da es mit dem Hinweis auf die Liebe zum Bewußtsein bringt, wie sehr es auf den einzelnen Menschen und seine Haltung im Zeitgeschehen ankommt. Dieser Appell geht auch an alle deutschen Schriftsteller und an die deutschen Theaterleiter. Hier wird ihnen von außen der Weg für die Verpflichtung an ihre Zeit und ihre Menschen aufgezeigt.

Das reportagehaft gestaltete Stück, das ähnlich wie James Joyce Reflektionen und Berichte einschaltet, die allerdings den Gestalten einverleibt sind und damit den Sprecher vermeiden, ist gleichermaßen zeitnah, wie es weit entfernt von aller Schwarzweißzeichnung ist. Darin spürt man Brechtschen Atem und Brechtsche Kraft. Es ist schwer vorstellbar, daß ohne Darsteller wie Brigitte Horney und ihre Sprache und Walter Richter als russischer Oberst und sein stummes Spiel sowie die meisterhafte Darstellung des deutschen Hauptmanns durch Robert Freitag und die erschütternde Verkörperung dies Juden durch Pinkus Braun der Dichter sich hätte so gut verständlich machen können. Gottfried Beutel