Bei den Diskussionen der UNO-Vollversammlung über die Zukunft der italienischen Kolonien sind die Großmächte mit ihren Plänen auf starken und überraschenden Widerstand gestoßen die kleinen Nationen stellten, mit Ausnahme der südamerikanischen Länder, die Forderung auf Unabhängigkeit der Kolonial Völker oder, wenn diese nicht zu erreichen sei, auf eine gemischte Treuhandschaft von kleinen Mächten, die nur das eine Ziel verfolgen solle, möglichst schnell alle Voraussetzungen zur Übernahme der Verwaltung durch die Eingeborenen zu schaffen. Hierin kommt vor allem die grundsätzliche Gegnerschaft der „Kleinen“ gegen die Aufteilung der Welt in Interessensphären der „Großen“ zum Ausdruck. Seit der Glaube an die Überlegenheit und die zivilisatorische Mission Europas geschwunden ist, verwandeln sich die Kolonialvölker aus Objekten immer mehr zu Subjekten der Weltpolitik.

Am ehesten hat die Cyrenaika Aussicht auf Selbstregierung. Das ist eigentlich überraschend, denn dieses Gebiet von 650 000 qkm besteht größtenteils aus Wüste und Ist die wirtschaftlich ärmste aller Kolonien: keine Bodenschätze oder Rohstoffe, kaum Möglichkeiten zur Landwirtschaft, keine Verkehrslinien außer der Küstenstraße. Ihre 300 000 Einwohner sind meist Nomaden, nach europäischen Begriffen hoffnungslos rückständig und primitiv. Aber sie gehören fast, alle zur Sekte der Senussi, die in ihrer Mischung von puritanischer Religiosität und politischer Zielsetzung so bezeichnend für den arabischen Islam ist. Wenig bedeutet es dagegen, daß es keine europäisch ausgebildeten Beamten, keine Rechtsanwälte und keine Ärzte gibt – die Hierarchie der religiösen Bruderschaft der Senussi durchdringt mit den Zauiat, den örtlichen klosterähnlichen Treffpunkten des Ordens, das gesamte Leben der Bevölkerung, bestimmt die Scheichs der Stämme und Marktflecken, spricht Recht und regelt Preise und Märkten

Der Großscheich, Emir Edriss es Senussi, erfährt in seinem Kloster in der Oasenstadt Giarabub in kürzester Zeit alles, was im Lande vorgeht und gibt seine Befehle, die unbedingt befolgt werden. Wie oft habe ich auf meinen Reisen durch Libyen, als der Orden zur italienischen Zeit noch verboten war und verfolgt wurde, seine Macht fühlen, die Genauigkeit seines Nachrichtendienstes bewundern und die Gerechtigkeit der in einer fernen, damals in Ägypten liegenden, Zentrale gefällten Urteile anerkennen müssen. Dabei ist die Senussia ein Lehrorden, jede Zauia ist zugleich Schule und man findet in Libyen weniger arabische Analphabeten als in Ägypten oder Marokko. So dürfte die Cyrenaika die größten inneren Möglichkeiten für eine baldige Selbstverwaltung haben.

Sehr viel komplizierter liegen die Verhältnisse in Tripolitanien. Zwar sind auch dort die Senussi verbreitet, aber nicht in der Mehrheit. Von der 1 Million Einwohner sind einige 10 000 Städter, gewandte Kaufleute, die seit Generationen den Saharahandel aus dem Sudan in Händen hatten, die Welt kennen und jedem Fanatismus abgeneigt sind. Die in der Stadt Tripolis noch zahlreichen türkischen Familien leben in Fehde mit diesen arabischen Städtern, da sie auf Grund ihrer meist europäischen Bildung einen Vorrang beanspruchen, den jene ihnen nicht zuerkennen. Der scharfe Gegensatz zwischen den berberischen Gebirgsbauern im Dschebel Nefusa und den arabischen Beduinen, der in der Vergangenheit zu blutigen Kriegen und zur teilweisen Vernichtung der Berber führte, kompliziert die Lage noch weiter.

Daß 40 000 noch im Lande lebende Italiener und 30 000 Juden, die in den letzten Jahren einige Verfolgungen von der arabischen Bevölkerung zu erdulden hatten, eine italienische Herrschaft befürworten, ist verständlich; alle anderen Gruppen sind sich jedoch in ihrer Ablehnung einig. Weiter geht die Einigkeit allerdings nicht; die Zwistigkeiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten werden allerdings von interessierter Seite wohl immer wieder geschürt. Auch in Erythrea stehen zwei Bevölkerungsgruppen sich gegenüber, deren Rassengegensatz noch durch religiöse Unterschiede verschärft wird: die dunkelhäutigen koptischen Christen der südlichen Gebirgsgegenden und die hellhäutig-semitischen Mosleme der Ebenen... Nur eine kleine Gruppe der Christen, die meist aus koptischen Geistlichen bestehende „Unionspartei“, hat ein klares politisches Ziel, nämlich die Vereinigung mit Abessinien. Schon die koptischen Händler sind von dieser Aussicht gar nicht entzückt, und die Moslemliga bekämpft, diesen Plan mit allen Kräften. Aber positive Vorschläge werden kaum gemacht; 95 v. H. der Bevölkerung sind politisch uninteressiert, und die Stammeschefs stimmen für den, der ihnen Geld gibt und Ruhe verspricht. Gegen die Rückgabe an Italien dürfte sich außer bei den koptischen Unionisten keine starke Opposition finden; dafür agiert vor allem die noch einige 10 000 Köpfe zählende italienische Siedlerbevölkerung, die auch heute noch als stark faschistisch geschildert wird. Um Erythrea für eine Selbstverwaltung reif zu machen, wäre eine lange Vorbereitungszeit erforderlich und ein sehr viel stärkeres Interesse der Bevölkerung am eigenen politischen Schicksal.

In Somaliland lebt eine kluge, rassisch und religiös einheitliche (moslemische Hamiten) Bevölkerung, Sie hängt noch sehr an Italien, dem sie jahrzehntelang die besten. Soldaten stellte. Obgleich hier alle Voraussetzungen für eine Selbstverwaltung bestünden: die Bevölkerung ist politisch interessiert, es gibt zumindest eingeborene Unterbeamte und man konnte verschiedentlich Medizin- und Rechtsstudenten aus Somaliland an italienischen Universitäten sehen – scheint das Bedürfnis nach Selbständigkeit nicht sehr groß zu sein.

Am stärksten, ist das Streben nach Selbstregierung in Nordafrika, und die Entscheidung, die die UN für Libyen treffen wird; dürfte weite Kreise ziehen und die Zukunft aller europäischen Besitzungen in Nordafrika entscheidend bestimmen. P. H. Schulze