Von Franz. Damhorst

Einst haben Lope de Vega und Calderón der spanischen Bühne Weltruf gegeben. Lope – ein Dichter von fast unglaublicher Fruchtbarkeit und von unerschöpflichem Reichtum an immer neuen und glänzenden Einfällen. Calderon – ein Poet von denkerischer Tiefe, dessen: Werke den unverkennbaren Stempel einer eigenen und starken Persönlichkeit von sittlicher – Größe tragen. Zwischen diesen beiden Außenpunkten bewegt sich seit Jahrhunderten, das spanische Theater. Aber wer das dramatische Schaffen der letzten fünfzig Jahre beobachtet, wird zu dem Ergebnis kommen, daß im Augenblick die Richtung, die Lope verkörperte, im Vordergrunde steht. Das heißt: das Gesellschaftsstück beherrscht die Szene. Der heute 83 jährige Jacinto Benavente, Verfasser der „Intereses creados“ und mehr als hundert anderer Stücke, Nobelpreisträger von 1922, steht noch immer im Mittelpunkt des spanischen Theaterlebens. Er ist der Vertreter des spanischen Theaters von heute.

Das Theater braucht Zuschauer, braucht zahlende Gäste. Das sehen die spanischen Dichter ein, wie es schon. Lope eingesehen hat. Sie wissen, daß andernfalls heute in Spanien kein Theater gespielt würde. Denn mit Hilfe aus öffentlichen Mitteln kann so gut wie nicht gerechnet werden.

Vor kurzem schrieb Benavente im „ABC“ einen bezeichnenden Aufsatz: „Früher war der Beginn des Theaterwinters etwas Bedeutendes, das die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenkte; heute hat dieser Beginn nicht die mindeste Bedeutung. Die Jahre gehen hin ... Damals war eine Wochenkasse von 1000 Peseten eine große Einnahme. Heute ginge mit solchen Einnahmen jedes Unternehmen zugrunde. Über allem was uns bei der Uraufführung wichtig sein könnte, fühlen wir heutzutage die lastende Verantwortung eines Geschäftes, dessen Scheitern einen Veranstalter vernichten kann. Man fühlt sich als Dichter wohl oder übel als Teilhaber eines Wirtschaftsunternehmens und kann nicht anders als vor dem literarischen an den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens denken. Señor, wenn das Werk auch schlecht ist, wenn’s dem Unternehmen nur Geld bringt!“ Benavente schließt satirisch-lakonisch: „Die Verantwortung, Gesellschafter in einem Handelsunternehmen zu sein, ist reichlich groß, wenn man nichts vom Geschäft versteht.“

Die Zuschauer also bestimmen. Benavente erkennt das Urteil an. Der bedeutende spanische Kritiker Valbuena Prat sagt uns eindringlich, wie Benavente seinem Grundsatz gerecht wird: „Außer in zwei oder drei bedeutenderen Fällen (und auch da scheint deutlich der ,niedere Ton‘ durch) schreibt Benavente keine eigentlichen Dramen, sondern einfallsreiche, unterhaltsame Komödien mit geistvoller Unterhaltung oder Sittensatire. Immer ist er gewaltiger Techniker des Auftritts. Die Beherrschung der theatralischen Architektur rettet auf den Brettern Stücke, die beim Lesen kaum standhalten...“

Nun, Benavente weiß, daß seine Stücke nicht gelesen, sondern gesehen, gehört werden müssen. Keine großen Erlebnisse sucht das Publikum im Theater, keine erschütternden Schicksale und dunkle Verhängnisse, sondern Unterhaltung, Zeitvertreib, darum das Gesellschaftsstück aus. dem pochenden, wirklichen Leben. „Para pasar el rato...“

Dem entspricht die Lage der Bühnen. Im ganzen Lande gibt es zwei Theater mit festen öffentlichen Zuschüssen. Sie sollen vor allem das klassische Theater pflegen und können doch nicht allein davon bestehen. Sonst kennt man nur die „compañias“, die von Ort zu Ort ziehen, im; Winter meistens in Madrid und Barcelona, im Sommer draußen auftreten, bevorzugt an Orten mit Sommerfrische. Es kann vorkommen, daß sich einmal ein klassisches Stück auf den Spielplan verirrt. Es kann sein, daß damit sogar ein Abend ohne Einbuße bestritten wird.