Vi., Mailand, im Mai

Zwei Dinge haben die deutschen Aussteller und Besucher der am 29. April zu Ende gegangenen 27. Internationalen Mailänder Mustermesse besonders überrascht: einmal die aufrichtige und betonte Herzlichkeit, mit der die deutsche Beteiligung an der Messe – außerhalb der Kollektivschauen im „Palast der Nationen“ die zweitstärkste ausländische hinter der nordamerikanischen und vor der schweizerischen, britischen und französischen – von der italienischen Wirtschaft begrüßt wurde, und zum anderen die erstaunlichen Fortschritte, die die italienische Produktion in den letzten Jahren gemacht hat. Die den Deutschen entgegengebrachte Herzlichkeit zeigte sich besonders deutlich bei dem Empfang, den die Mailänder Handelskammer der offiziellen deutschen Abordnung unter Führung von Minister Prof. Dr. Nölting und Dr. Schubart von der VfW gab. Hier standen sich Kaufleute und Wirtschaftler zweier Völker gegenüber, und das Ergebnis der beiderseitigen Aussprache war überaus erfreulich: Es ist gut, daß Deutschland auf den Märkten der Welt wieder in Erscheinung tritt. Die europäische Wirtschaft kann ohne Deutschland als Abnehmer und Lieferant nicht wieder aufgebaut werden, und der Kaufmann ist der geeignete Mittler, wenn es gilt, die durch den Krieg einander entfremdeten Länder wieder zusammenzubringen.

Der zweite Tatbestand – die Fortschritte der italienischen Industrieproduktion – verdient ebenfalls stärkste Beachtung. Italien ist heute auch auf den Gebieten ein beachtlicher Konkurs rent geworden, auf denen das Land südlich der Alpen bisher nicht so stark hervortrat. Bei den Maschinen für die Mühlen- und Teigwarenindustrie steht Italien heute an der Spitze aller Länder mit gleicher Produktion.

Hinsichtlich der getätigten Abschlüsse sind die deutschen Ausstellerfirmen durchweg zufrieden. Wenn die genauen Abschlußziffern auch noch nicht vorliegen, so kann jetzt doch schon mit Sicherheit gesagt werden, daß das den Deutschen eingeräumte Messekontingent von 500 000 das nur die nicht im offiziellen Handelsvertrag vereinbarten Waren enthält, Voll ausgenutzt wurde. Grundsätzlich ist für dieses Kontingent auch bereits die Einfuhrgenehmigung erteilt. Aber darüber hinaus, wurden zum Teil erhebliche Abschlüsse getätigt. Von den Westzonen hat die französische bei weitem die besten Geschäfte, gemacht. Gut verkauft haben vor allem die Schnellpressenfabrik Albert & Co. in Frankenthal, Nähmaschinen-Pfaff mit Spezialmaschinen für die Bekleidungsindustrie und die Idar-Obersteiner Schmuckwarenfertigung. Vom Ausland gefragt waren weiter billiges deutsches Spielzeug, Füllfederhalter, Gebrauchsporzellan und natürlich Meßinstrumente, optisches Gerät und Solinger Produkte, die in Italien seit jeher einen guten Markt hatten. Die Firma Gossen-Erlangen, die eine sehr anspruchsvolle Kleinstschreibmaschine ausgestellt hatte, mußte mit Rücksicht auf die begrenzte Produktionskapazität einen Teil der Kauflustigen auf später vertrösten.

Bei Maschinen hat die Messe deutlich gezeigt, daß Deutschland nur noch bei ganz besonderen Spezialmaschinen Aussicht auf größere Exporte nach Italien hat. Gut verkauft wurden unter anderem Kreissägeschärfmaschinen, Kaltsägen, Druckmaschinen und Automaten. Absatz fanden ebenfalls Textilmaschinenteile, Fleischereimaschinen und Schuh- und Schuhmachermaschinen. Außer Italien zeigten vor allem Nordamerika, Südamerika und Osteuropa Interesse für die ausgestellten deutschen Waren.

So kann die deutsche Wirtschaft alles in allem mit dem Ergebnis von Mailand durchaus zufrieden sein. Zwar schränkt der gegenwärtige Dollar-DM-Kurs den Kreis der exportfähigen Waren erheblich ein, diese Schwierigkeit kann aber bis zu einem bestimmten Grade dadurch überwunden werden, daß sich Westdeutschland noch mehr als bisher auf derartige Fertigungen konzentriert, bei denen der relativ hohe Preis durch entsprechende Konstruktionsvorteile ausgeglichen wird. Dieses Feld ist wahrscheinlich sogar weiter, als man in westdeutschen Wirtschaftskreisen selbst glaubt.

Ob die auf, dem Papier getätigten Abschlüsse nun auch verwirklicht werden können, hängt fast allein von der Importpolitik des italienischen Außenhandelsministeriums ab. Hier werden vom Ausland mit Recht die umständlichen Verfahren und Verzögerungen bemängelt. So besteht zum Beispiel im deutsch-italienischen Außenhandel zur Zeit noch ein sehr erheblicher Saldo zugunsten Italiens, für dessen Abdeckung die entsprechenden Importlizenzen von italienischer Seite immer noch nicht bereitgestellt wurden.