Humoreske von Erwin Lüddeke

Wir müssen unbedingt Hühner anschaffen!“ Diese Forderung erhob meine Frau mit der ihr eigenen Zähigkeit. Sie hämmerte es mir geradezu ein. Alle Gegenargumente und Hinweise auf die Enge unseres Hofes, eingekeilt zwischen zwei flachbedachten Seitenflügeln großer Vorderhäuser im Herzen der Großstadt, waren vergebens. Eines Tages hatte ich also einen Stall gebaut und auch vier Legehennen angeschafft. Der häusliche Frieden war gesichert. Die Klügere hatte nicht nachgegeben.

Ein Mann vom Lande brachte die Hennen in einem Sack und schüttete sie aus. Regungslos und verschüchtert saßen sie in einer Ecke des Hofes und schienen der Verzweiflung nahe! „Siehst du wohl“, sagte ich zu Helene, „welch ein Verbrechen, Hühner aus ihrer ländlichen Umgebung in die Großstadt zu verpflanzen. Sie gehen seelisch zugrunde!“ „Ach“, entgegnete Helene, „stell dir doch einmal vor, du wärest zwölf Stunden in einem Sack und würdest in einem ganz fremden Kontor ausgeschüttet. Du müßtest dich doch auch erst an deinen neuen Chef gewöhnen.“

Nachdem die Tiere den ganzen Nachmittag resigniert in ihrer Ecke gesessen hatten, beschloß Helene, da der gebaute Stall noch durch Strohsäcke gegen die Kälte geschützt werden mußte, sie für die Nacht in den Keller zu bringen. Sie ließen sich willig einfangen und auf eine dort angebrachte Stange setzen. Ich stellte ihnen noch ein sogenanntes „Hindenburg“-Nachtlicht hin, für den Fall, daß sie nachts einmal von der Stange müßten, doch dieses Licht blies Helene aus! „Was soll das?“, fragte sie. „Willst du, daß die Hühner sich die Flügel verbrennen?“ Wieder eine menschliche Regung meinerseits, die sich auf das Leben der Tiere nicht übertragen lassen wollte.

Am nächsten Morgen brachte Helene die Hennen wieder in ihren Tagesraum zurück. Anscheinend bemächtigte sich ihrer sofort ein grenzenloses Heimweh, denn plötzlich flogen sie alle hoch und auf die beiden Nachbardächer. Auf jedem Dach saßen zwei Hennen und gurgelten uns ängstliche Laute zu, die wir nicht verstanden. Von diesen Dächern konnten sie weiterfliegen auf die Dächer der Vorderhäuser, von dort auf die Hauptstraße und dann bequem zu Fuß wieder nach Hause gehen.

„Siehst du, es ist Unsinn mit den Hühnern“, sagte ich zu Helene. „Sie haben Heimweh; sie werden sich hier nie wohlfühlen!“

„Steh doch nicht so tatenlos da“, meinte Helene, „einschränke deine Arme und steig auf die Dächer, sie herunterzutreiben!“