Eine Uraufführung in Oldenburg

Historische Schauspiele, die Parallelen zur vergangenen Zeit darlegen sollen, mit erhobenem Zeigefinger serviert, grob skizziert, ohne psychologische Bedingtheit der einzelnen Handlungen, und ohne logische Konsequenz in der dramatischen Verarbeitung – sei es vor einem antiken oder einem modern stilisierten Hintergrund – landen heute nicht mehr im Parkett (oder sie müssen reißerisch aufgezäunt sein). Jedes Experiment ohne menschliche Notwendigkeit, ohne den tieferen Grund unserer geistig-seelischen Aufspaltung innerhalb des abendländischen Geistesleben (Geist ist aber nicht gleich Intellekt zu setzen) aufzudecken oder zu enträtseln, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Das gilt auch für das Schauspiel „Die Paladine“ von Dr. Wilhelm Kohlhaas, Regierungsrat in Tübingen. Einzig die gute Durchführung der Typen mag der Beweggrund zur Annahme des zu breit angelegten Werkes gewesen sein. Rudolf Sang führte Regie. Nach einem atmosphärisch dichten ersten Akt verließ ihn das Stück. Fünf Akte Intrigenwirtschaft, Gerede und Leerlauf mit ausklingender Marschmusik (Napoleon nimmt Abschied von seinen Truppen, bevor er nach Elba verbannt wird – um zurückzukehren!) war auch für ihn zu viel. Es kam, wie es kommen mußte: das Publikum langweilte sich mehr oder weniger – und erklatschte dem Autor einen Achtungserfolg.

Kurt Reuter