In Bremen und Schleswig-Holstein ist eine Schulreform durchgeführt worden, deren Kernpunkt die sechsjährige Grundschule bildet. Da auch Hamburg jetzt unmittelbar vor der Schulreform steht, hat die Hamburger Universität ein Gutachten zu der heftig umstrittenen Frage der verlängerten Grundschulzeit ausgearbeitet. Die Denkschrift beschäftigt sich in erster Linie mit dem Unterricht der Schüler, die später zur Universität kommen, und mit Vorschlägen für die Schule, die in dem Entwurf „Wissenschaftliche Oberschule“ heißt. Sie versucht vor allem, die Frage der Schulreform herauszuführen aus dem Streit politischer Überzeugungen und das sachliche Problem sichtbar zu machen, das im wesentlichen lautet: wie ist es möglich, die notwendige soziale Schulreform durchzuführen, ohne daß die Ausbildung der wissenschaftlich begabten Schüler Schaden nimmt? Das klare und eindrucksvoll dargelegte Ergebnis der Denkschrift ist: die geplante Reform wird die wissenschaftliche Ausbildung der Schüler verhängnisvoll beeinträchtigen.

Die Denkschrift gliedert sich in drei Teile: der erste enthält 15 Leitsätze, die vom Senat der Universität, also vom Rektor und Prorektor und von den Dekanen und Prodekanen der vier Fakultäten einstimmig gebilligt sind, der zweite eine Begründung dieser Leitsätze, die zeigt, daß die Universität den Grundsätzen des Gesetzentwurfes weitgehend zustimmt, daß sie aber im einzelnen oft abweicht. Der dritte Teil bringt, gleichsam als Anhang, einzelne Gutachten von Professoren, in denen zum Beispiel für das Gymnasium Latein als erste Fremdsprache gefordert wird. Eindrucksvoll sind hier vor allem die Äußerungen der Naturforscher und das Gutachten des Professors für Englisch, der das Englische für ungeeignet erklärt, die erste Fremdsprache auf dem Gymnasium zu sein. Bemerkenswert ist auch das Gutachten über den Religionsunterricht, der nach dem Gesetzentwurf auf den „Ergebnissen religionskundlicher Forschung“ beruhen soll, wobei an Stelle der Religion, die abgeleitete, unkindliche, reflektierende Religionskunde tritt, was gerade den sonst in dem Gesetzentwurf vertretenen Prinzipien schnurstracks zuwiderläuft.

Der grundsätzlichste Einwand gegen den Entwurft heißt kurz und schlagend: „Die Vorschläge für die Gestaltung des Unterrichts bauen auf pädagogischen Theorien auf, die aus den Zeitverhältnissen und geistigen Strömungen der Jahre vor und nach dem ersten Weltkrieg erwuchsen. Wenn eine fundamentale Neuordnung geplant wird, ist es notwendig, alle theoretischen und praktischen Anliegen unter der von Grund auf verwandelten Sicht heutiger Situationen und Aufgaben zu durchdenken.“

Die „Begründungen“ der ablehnenden Kritik gipfeln in einer Mahnung von schwerwiegender Bedeutung: „Der Staat hat schlimme Erfahrungen mit Gesetzen gemacht, deren Befolgung er weder erwarten noch durchsetzen konnte. Sie sollten den Gesetzgeber bestimmen, in jedem künftigen Falle genau zu prüfen, ob er sich in der günstigen Lage befindet, daß seine Pläne vom Willen des Volkes getragen sind und das Interesse derer finden, die sie zu verwirklichen haben. Und er soll sich auch ernstlich fragen, ob er das erfüllen kann, was er im Gesetz verspricht. Dieser unumgänglichen Selbstprüfung will unsere Stellungnahme dienen.“

Man muß der Universität dankbar sein, daß sie in einer Frage, in der sie Sachverständnis für sich in Anspruch nehmen darf, aus ihrer üblichen Reserve herausgetreten ist. Hoffentlich trägt ihr Gutachten dazu bei, daß die Frage der Schulreform gründlich und sachlich diskutiert wird – und besser gelöst wird, als es der Gesetzentwurf der Schulbehörde vorsieht. Fr.