Von Hanns Braun Daß die Menschheit fernab vom Himmel lebt, haben unter anderm auch ihre Dichter erwiesen, damit, daß sie ihn nie so recht vorzustellen wußten. Daraus haben dann etliche gefolgert, es gebe ihn nicht –, was sie aber zum Beispiel für die Hölle nicht ebenso folgern konnten. Denn in ihr kennen sich die Dichter, neuerdings auch die Musiker, gar vortrefflich aus. Wir müssen jedoch gegenwärtig nicht Poeten und Komponisten bemühen, um die unbezweifelbare Ferne der Menschheit von dem, was „Himmel“ meint, belegt zu bekommen. Es genügt, zwei Dinge zusammenzuschauen die im Gegensinn verkehrt sind, in einem bislang ungewohnten Ausmaß.

Das eine ist der Gebrauch, den die Zeit von jener Offenbarung zu machen beliebt, die uns belehrt, es sei mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Es ist wahr, sie befriedigt transzendente Hinterden-Kulissen-Neugier nur unvollkommen. Um so gewisser will sie anregen, daß wir uns ein Beispiel dran nehmen sollen, heilsamerweise. Wir brauchen aber nur die Entnazifizierung, bevor sie, ins andere Extrem ausschlagend, zur Farce entartete, und auch gewisse Behandlungsweisen Deutschlands bis auf diesen Tag zu bedenken, so wird uns klar, wieviel Unerbittlichkeit (in Ansehung der Sünde und einer eben doch kollektiv genommenen Schuld) unsere Richter für gerecht und richtig gehalten haben. Überwältigend groß, im Verhältnis 99 zu eins, war die Freude jedenfalls dort nicht, wo frühere Option als verfehlt zugestanden, zurückgenommen, ja oft unter gefährlichen Risiken der Versuch des Wiedergutmachens längst getätigt worden war, wiewohl die behauptete Sünde oft nur jener Irrtum gewesen, den die ganze Menschheit als eines ihrer fatalen Grundrechte auch jetzt, auch weiterhin beansprucht.

Jedermann auf Schuld festzulegen, ihn darin gleichsam einzumauern, ist aber durchaus die Weise des totalitären, überall wieder zum Baal werden wollenden Staates, der notfalls auch durch unhaltbare, natur rechtswidrige Bestimmungen sich den „totalen“ Sünder schafft, diesen auf Abruf lebenden, immer nur beurlaubten Galgenvogel, damit denn jedermann in seiner Hand sei. Gewiß, es ist leichter im Himmel der reinen Erkenntnis Freude zu empfinden, als – hienieden unter täuschekundigen Erdenkindern, deretwegen Mißtrauen noch auf das Echteste fällt. Auch entsprach der Starre jener Richter, die Delikten von juristisch fragwürdiger Couleur den Makel des Unverzeihlichen, also das Schandmal, aufzubrennen trachteten, Starre auch bei denen, diesich erschüttert und im Gewissen hätten schuldig fühlen können – wodurch auf beiden Seiten das, worauf alles angekommen wäre – auf schmerzvolle Einsicht, freiwillige Umkehr und rechte Vergebung – schuldhaft verfehlt worden ist.

Und nun das Gegenbild. Bußgesinnung am laufenden Band in einem seit Jahrhunderten nicht mehr erhörten Ausmaße vor aller Öffentlichkeit, Selbstbezichtigungen der Beschuldigten, die noch des strengsten Richters Erwartungen übertrumpfen. Reue und Strafwilligkeit wie nie, zuletzt die demütige Bitte um Gnade – wer sähe nicht, daß es ein hochmittelalterlich christliches Schauspiel ist, das von den Volksgerichtshöfen hinter dem Eisernen Vorhang zur Liquidierung politischer Gegner, zur Diffamierung gerade auch der christlichen Religion in ihren Vertretern, immer wieder aufgeführt wird.

Daß der Teufel Gott äfft, ist ja nicht bloß das Stigma seiner schöpferischen Unkraft, sondern mehr noch Folge seiner unstillbaren Schändelust – die so groß ist, daß sie sogar (in der stereotypen Wiederkehr dieses großen Bußtheaters) ihre Entlarvung in Kauf nimmt. Freilich ist die Fehl Wirkung außerhalb der eisernen Vorhänge, dort, wo Informationen und Kritik ihren Weg nehmen dürfen, erheblicher als vermutlich und leider „drinnen“, zumal wenn die solcher Propaganda ohne Widerrede Unterworfnen in einem zuvor lange Zeit ehrlichen Staat aufgewachsen

Aber welchen Triumph schafft jenen Theaterveranstaltern sogar noch die Entlarvung! Kann man sich wundern, wenn sie halbwegs frech hingehalten, mehr provoziert als gescheut wird? Denn eben sie scheint ja den diabolischen Beweis zu liefern, daß das Sündenbekenntnis, Reue, Bußfertigkeit, Flehen um Gnade, kurzum jenes „rechte“ Verhalten des Schuldigen, um das sich der Westen, ob noch christlich oder nicht, mit so geringen äußeren Erfolgen mühen muß, dort „drüben“ materiell erzielt wird, – nämlich durch eine Droge, die namentlich bekannt und in ihren über die Automatik des Handelns und Gehorchens bis zur völligen Schuldüberzeugung und Schuld-Sucht reichenden Wirkungen genau beschreiblich ist.

Wer Sinn hat für die Symbolkraft der Dinge, der wird finden, daß nach anderthalb Jahrhunderten Materialismus so etwas hat kommen müssen: „religiöse“ Seelenakte, zwanghaft bewirkt durch Actedron, bezogen auf den Götzen Staat, anpassungsfähig an jede seiner willkürlich gesetzten Vernichtungs-Schaugelegenheiten, Wahrheit und Menschenwürde im nämlichen Hui zertretend. Das so Ungeheuerliches an Ent-Menschung, an Zwang und Lüge unter dem Namen „Wahrheitsspritze“ läuft, könnte einen fast lachen machen, wenn man jene Materialisten, die bei uns feinerweise nicht mal mehr so genannt werden möchten, darüber ernst werden sähe.

Daß solch zeitliches Zusammentreffen – des Nichtanerkennens, auch Nichtwollens einer Buße hier und des Scheins einer über die Maßen gelingenden dort – nur Zufall sei, ist wenig wahrscheinlich. Noch weniger: daß diese bedeutsame Vertauschung nur Folge sei, nicht auch noch Folgen haben werde.