Die Sowjetunion fürchtet den Zusammenstoß mit Amerika und insbesondere einen amerikanischen Präventivkrieg Europa fühlt sich durch den revolutionären und kriegerischen Imperialismus Moskaus bedroht. Amerika begehrt zwar keinen bewaffneten Konflikt, aber es weiß sich mit zunehmender Sicherheit stark genug, um ihn zu bestehen. Ja, es gibt tatsächlich nicht ganz einflußlose amerikanische Kreise, die an keine echte Befriedung der Welt glauben, bevor nicht die sowjetische Macht gebrochen sei, und die deshalb der Meinung sind, man solle den letzten Krieg führen, um den ewigen Frieden zu gewannen. Seitdem mit dem Atlantikpakt die einstige Hoffnung Moskaus auf einen neuen amerikanischen Isolationismus endgültig zusammengebrochen ist, weiß Stalin, daß jeder weitere Angriff auf Europa zugleich den Krieg mit Amerika bedeutet. Nur diese Tatsache der amerikanischen verteidigungsbereiten Kraft und der sowjetischen Furcht vor dieser Kraft schützt unseren Kontinent.

Wenn man einmal durch den Nebel der Propaganda hindurchstößt, so ist dies die Situation: Die erste und ursprüngliche Kriegsgefahr hat ihr Zentrum in Moskau, denn dort ist der Wille zur Macht, dem jedes Mittel recht ist, bodenständig. Diese Drohung wird nur durch Die stärkere Kriegsgefahr Amerikas gebannt. Die zweite Kriegsgefahr hat ihr Zentrum in Washington; sie besteht in der Möglichkeit eines amerikanischen Angriffs aus präventiven Gründen, eines Angriffs, der nur geführt würde, um nicht mehr chronisch zur Verteidigung gerüstet bleiben zu müssen. Diese zweite Möglichkeit steht und fällt mit der ersten, von der sie sich ableitet. Und zwar handelt es sich dabei nicht allein um objektiv meßbare Tatsachen, sondern mindestens ebensosehr um deren subjektive Beurteilung durch die maßgebenden amerikanischen Instanzen. Je mehr die USA ständig gereizt fühlen, je mehr sie die imperialistische Dynamik Moskaus für unenthaltsam halten, um so eher könnte der Entschluß zum Präventivkrieg gefaßt werden. Es gibt endlich eine dritte Kriegsgefahr. Je sicherer es nämlich in Moskau erschiene, daß es zu einem amerikanischen Präventivkrieg kommt, desto wahrscheinlicher würde ein sowjetischer Angriff, der nunmehr den Sinn hätte, dieser Aktion wenigstens noch zuvorzukommen. Ein solcher Präventivkrieg des Präventivkrieges wäre natürlich nur ein Akt der Verzweiflung. Für diese dritte Kriegsgefahr gilt, daß sie sich aus der zweiten ableitet und daß, ebenso wie bei dieser, das subjektive Moment der Einschätzung der Lage eine entscheidende Rolle spielt.

Alle wichtigen Vorgänge in der Weltpolitik können nur auf dem Hintergrund dieser drei Kriegsgefahren richtig verstanden und gewertet werden. Die sowjetische Strategie richtet sich immer auf das gleiche Ziel: mehr Macht. Seit 1945 hat Moskau versucht, den USA Europa zu verleiden. Das ist nicht gelungen, vielmehr war der Atlantikpakt Amerikas letzte nicht mißzuverstehende Antwort. Die Sowjets haben zwar sehr viel Boden gewonnen, aber sie haben mit ihrer Politik des Angriffs und der Reizung ihren großen Gegner erst stark gemacht, so stark, daß Ihnen jetzt die eigene Furcht Einhalt gebietet. In Asien ist das anders. Dort ist Amerika noch sucht bereit, aktiv zu werden. Im Rahmen des Konflikts der beiden Weltmächte kann die erste Kriegsgefahr überall dort Wirklichkeit werden, wo die USA weder defensiv noch präventiv anzugreifen gewillt sind. Dies sind gleichsam Nebenkriegsschauplätze, ganz unabhängig von ihrer sonstigen Bedeutung. Moskau kann Mao-Tsetung nach Nanking und Schanghai marschieren lassen. Das sind, bei der augenblicklichen Haltung der Amerikaner, Ereignisse; die sich am Rande ihrer Interessensphäre abspielen. Berlin dagegen liegt „zentral“, ganz einfach deshalb, weil man sich in Washington entschlossen gezeigt hat, Berlin zu verteidigen.

Warum – so fragt man sich – weicht Moskau jetzt in der Frage der Berliner Blockade zurück? Warum wünscht es eine Viermächtekonferenz der Außenminister über die gesamte Deutschlandpolitik? Warum könnte es bereit sein, auf dieser Konferenz einen Friedensvertrag mit Deutschland, eine deutsche Zentralregierung und den Abzug sämtlicher Besatzungstruppen aus allen vier Zonen vorzuschlagen? Warum wäre es sogar denkbar, daß solche Vorschläge anders und ernster gemeint sein könnten, als sie es noch vor sechs Monaten auf einer entsprechenden Konferenz gewesen wären? Damals hätte sich sagen lassen: dies alles ist nur Propaganda. Und man hätte allenfalls hinzufügen können: soweit es nicht Propaganda ist, paßt es in den Rahmen der sowjetischen Politik von Warschau und Sofia bis Prag. Und damit hätte man gemeint, daß die Sowjets sich die deutsche Zentralregierung als ein erweitertes und ferngelenktes Karlshorst und die drei Westzonen als einen Tummelplatz für die Ostpolizei vorstellten. Aber es ist nicht ratsam, derartige Urteile zu konservieren. Man muß vielmehr mit den Wertungen ebenso elastisch bleiben, wie Moskau mit seiner Politik.

Diese Elastizität besteht wohl kaum in der Wendung zu größerer Aufrichtigkeit. Sie ist auch nicht etwa darin zu erblicken, daß die Sowjets aus bloßer Schwäche einfach bereit seien, einen echten Rückzug anzutreten und „ihre“ Ostzone endgültig und willenlos dem „Weststaat“ und damit dem Marshall-Plan und der Europa-Union auszuliefern. Vielmehr spricht vieles dafür, auch die neueste und für viele überraschende Entwicklung unter dem Gesichtspunkt der drei Kriegsgefahren zu betrachten. Durch ihre Aggressivität in Europa hat die Sowjetunion sich ihren übermächtigen Gegner selbst großgezüchtet und sogar den amerikanischen Präventivkrieg beschworen. Sollte es nicht möglich sein, den Feind, der immer stärker wird, je mehr man ihn reizt, nunmehr durch Nachgiebigkeit zu schwächen? Wenn es gelingen sollte, die Kriegsgefahr Nr. 1, die ja, vom Kreml aus gesehen, nicht Gefahr sondern eigene Absicht bedeutet, unsichtbar zu machen, dann müßten die beiden anderen hiervon abhängigen Kriegsgefahren allmählich schwinden. Sowjetische Soldaten an der Elbe waren im ersten Stadium der Politik Moskaus die Vorhut einer Angriffsmacht. Dem Angriff – sei der Krieg nun heiß oder kalt – ist Einhalt geboten. Für das neue Stadium der sowjetischen Politik könnten die eigenen Truppen an der Oder oder sogar hinter der Curzon-Linie nützlicher sein als an der Elbe, Es kommt ja für Stalin in diesem Konflikt nicht auf „Linien“ an, sondern einzig und allein darauf, zu irgendeinem Zeitpunkt die Initiative zurückzugewinnen. Totalitäre Mächte sind ihrem Wesen nach kriegsbereit. Demokratische Staaten dagegen rüsten meistens, nur unter Druck. Marshall-Plan und Atlantikpakt, die Bewilligung gewaltiger Summen für die amerikanische Militärmacht und für die Rüstungshilfe für Europa, dies alles war doch nur möglich als Reaktion auf einen aktiven und weithin sichtbaren sowjetischen Imperialismus. Das wachgewordene Amerika muß also eingeschläfert werden. Das ist nach dem Atlantikpakt die einzig folgerichtige Politik Moskaus.

Im Kreml ist man Asien nahe genug, um mit langen Zeiträumen zu rechnen. Drei Jahre, fünf Jahre bedeuten da nicht viel. Die Sowjetunion hat keinen „Führer“, der unbedingt zu Seinen Lebzeiten den „Endsieg“ erringen will. Dort läßt sich sogar die Diktatur vererben. Unter solchen Voraussetzungen sind Rückzüge denkbar, die für eine Politik auf kurze Sicht unvorstellbar wären. Sie würden ausschließlich dem Zweck dienen, neue Ausgangspositionen für den eigenen Angriff zu gewinnen. Für einen Angriff, dem ein eingeschläfertes und „friedlich“ gewordenes Amerika nicht mehr rechtzeitig begegnen könnte. Europa ist sicherer vor der Kriegsgefahr Nr. 1 mit den Sowjets an der Elbe und einem starken Amerika, als mit den Sowjets am Bug und einem schwachen Amerika. In Moskau weiß man das. Wird man es in Washington wissen? Die Kriegsgefahr Nr. 1, die Drohung des sowjetischen Imperialismus, steht im umgekehrten Verhältnis zur militärischen Kraft der USA. Zur Zeit ist diese Gefahr für Europa sehr gering zu bewerten. Die Sowjets dagegen, die gelähmt an einem sinnlos gewordenen Limes Wache halten, fürchten die Gefahr Nr. 2, den Präventivkrieg Amerikas. Nur so werden die Gespräche verständlich, die der sowjetische UNO-Delegierte Malik mit dem amerikanischen Sonderbotschafter Jessup geführt hat. Moskaus Politik auf lange Sicht ist darauf gerichtet, die beiden anderen Kriegsgefahren auszuschalten und die eigene Drohung wieder wirksam zu machen. Alles andere ist Mittel zum Zweck.

Was kann der Westen, was kann Deutschland von einem Friedensgespräch im Schatten dreier Kriegsgefahren erwarten? Sicherlich keinerleiWunder! Auch eine Außenministerkonferenz vermag an den grundlegenden Tatsachen der Weltpolitik nichts zu ändern. Mit einem Staat wie der Sowjetunion, die einen echten Frieden weder wünscht noch kennt, gibt es nur Waffenstillstände. Man darf sie nicht ausschlagen, Soweit sie Rückzüge Moskaus bedeuten sollten: Aufhebung der Berliner Blockade, Ausdehnung des neuen deutschen Staates auf die Ostzone unter Bonner Bedingungen, Verzicht auf jede militärische Besetzung von mehr als nur symbolischem Charakter. Dagegen hätte es keinerlei Sinn, eine Vierzonenverwaltung Deutschlands ins Auge zu fassen, ohne dabei die unbedingte Freiheit politischer Wahlen in allen Zonen gleichmäßig zu garantieren. Zugunsten einer nur trügerischen Einheit dürfen der Freiheit keine Opfer zugemutet werden. Einheit heißt Einheit in Freiheit, wenn sie einen politischen Wert haben soll. Einer völligen Räumung Deutschlands durch die Truppen aller Besatzungsmächte müßte die Auflösung der bisherigen Ostpolizei vorausgehen, was ja nichts anderes bedeuten würde als eben die Garantie dafür, daß das politische Leben sich nach den in Bonn festgelegten Regeln entwickeln könnte. Und wir hätten gewiß nichts gegen einen Friedensvertrag, sofern er von allen vier Mächten unter gleichen und fairen Bedingungen mit einer zentralen deutschen Regierung geschlossen würde.