Von Otto Kreutzfeldt

Eigentlich wollte ich studieren“, dies sagte ein junger Mensch, der im kalkbespritzten Maurerkittel auf einem Baugerüst arbeitete. Er sagte es, als wollte er sich entschuldigen. Fühlte er sich, obgleich auf einem täglich höher werdenden Gerüst stehend, im Abstieg, an falscher Stelle? Eigentlich wollte er Akademiker werden ...

Mein Nachbar ist ein Akademiker. Eine Kapazität auf seinem Gebiet. Er hat ein Auto; wenn aber sein Wagen streikt, ist er hilflos und ruft den Automechaniker... Es gibt Akademiker, die kein Auto haben. Auch sie benötigen unentwegt die Handwerker. Wenn die Tür nicht schließt, das Wasser nicht läuft, das Licht nicht brennt, der Ofen nicht zieht. Ohne Handwerker keine Zivilisation! Aber es gibt viele Akademiker, die den Handwerker nicht – oder nicht sogleich – bezahlen können ... (wohingegen die selbständigen Handwerker selten eine Arztrechnung schuldig bleiben). Trotz allem wird das Handwerk minder bewertet. Wie sagte der junge Mensch am Bau? „Eigentlich ...“

Jeden Freitag zahlt der Lohnbuchhalter diesem jungen Menschen das Geld aus. Dieser Buchhalter tut keine schmutzige Arbeit; er hat es auch nicht nötig, sich beruflich weiterzubilden, über Fernkurse, Abendunterricht und Meisterschulung, denn er bucht und berechnet nach seinen Tabellen Und verlangt wird nur, daß alles stimmt. Mehr nicht. Dennoch wird seine Arbeit höher bewertet. Dieser Angestellte bekommt, wenn er krank wird, sechs Wochen lang sein Gehalt weiter; seine Angestelltenversicherung ist günstiger als die Invalidenversicherung; er hat eine gewisse Kündigungsfrist und liegt nicht am nächsten Tage auf der Straße; und man sagt „Herr Meier“ zu ihm.

Was hat der junge Handwerker dagegen? Er steht im Stundenlohn, und jede versäumte Stunde fehlt am Freitag in der Lohntüte; er ist in der Ortskrankenkasse und deshalb nicht so gut daran wie der andere in seiner Ersatzkasse; er braucht viel Arbeitszeug, muß bei Schlechtwetter aussetzen und kann von Tag zu Tag entlassen werden. Ist deshalb das Streben vieler Menschen, ins Büro zu kommen, nicht sehr verständlich? Und geben manche Betriebe nicht noch mit dem Hinweis: „Bei Bewährung ist Übernahme in das Angestelltenverhältnis möglich!“ einen Ansporn dazu? Und doch Aufwertung des Handwerkerstandes? – O ja! In jenem Baubetrieb, von dem die Rede war, arbeiten neben 25 Maurern, sechs Unischüler und ältere Lehrlinge; auch die 20 Zimmerer haben eine gleich starke Jungmannschaft. 45 Handwerkern alten Schlages stehen zwölf junge Menschen zur Seite, Menschen einer anderen Gesellschaftsschicht, Abiturienten und Mittelschüler, frühere Kriegsteilnehmer und obendrein Flüchtlinge. Ursprünglich im Angestelltenverhältnis oder kurz vor dem Studium, heute aus der Bahn geworfen, mittel-, heimat-, aber nicht hoffnungslos. Nein, hoffnungslos nicht! Anfangs war der Übergang zum Handwerk ein Ausweg. Als man dabei war, wuchs die Lust an der Arbeit; jeder Tag des Fortschritts brachte ein wenig Genugtuung, und als man sah, daß ein Aufstieg zum Bauführer möglich war, kam der Ehrgeiz hinzu. Diese Umschüler und Altlehrlinge mauern und zimmern, daß es eine Freude ist.

Wäre es nur ein einziger Betrieb, in dem sich dies abspielt, könnte man von einem Einzelfall sprechen. Aber es ist fast überall ähnlich. Das Handwerk, vor allem das Bauhandwerk, hat wertvollen Zuwachs und Nachwuchs bekommen.

Wer hat es eigentlich am schwersten? – Der ältere Handwerker, der ohne viel Schul- und Fachbildung schafft und als Stütze nur die Erfahrung und Handfertigkeit hat. Weil er schon viele Jahre im Fach ist, gelingen ihm auch schwierige Arbeiten. Und doch, schwer hat er es, wenn etwas Neues – etwas, das „noch auf dem Papier steht“ – Wirklichkeit werden soll. Dann reicht das Fingerspitzengefühl nicht immer aus. Und hier springt oft der „Umschüler“ ein, dem die Mathematik und die Algebra nichts Fremdes sind. Die Praxis zeigt, daß es so ist. „Die Jungen haben mehr gelernt als wir“, sagte kürzlich ein Polier, „wenn sie beim Handwerk bleiben, ist es sehr vorteilhaft.“

Sie werden beim Handwerk bleiben, denn einmal bringt das körperliche Arbeiten mit der Zeit genau wie beim Sport immer mehr Befriedigung; und zum andern sagen sich diese Menschen, die alle schon über die Zwanzig sind, daß alles, was mit Zement, Beton und Holz, Eisen und Stahl zusammengefügt ist und damit zu tun hat, einen sicheren Halt hat. Auf den festen Grund kommt es an, darauf kann man weiterbauen, im Beruf und auch im Leben. Hat auch das Handwerk vielleicht keinen „goldenen“ Boden mehr, so gibt es doch Lebenssicherheit. Später, wenn er als Handwerksmeister festen Boden unter sich hat, wird jener „Umschüler“ vielleicht lachenden Mundes sagen: „Eigentlich hatte ich mal studieren wollen, aber ...“