IV. Steuererleichterungen und Prädikate – Freiwillige Selbstkontrolle soll beginnen – Konkurrenz der Filmstädte

Von Jan Molitor

Nicht nur nach der Zukunft des Spielfilms („Die Zeit“ vom 14. und 21. April) haben wir gefragt, sondern auch („Die Zeit“ vom 28. April) nach den Aussichten des Kultur- und Dokumentarfilms. Und wir meinen, man sollte den Spielfilm möglichst von der Bürde entlasten, die ihm durch das Motto „Re-education“ auferlegt wurde. Man sollte den Spielfilm entweder im freien Raum der Kunst oder dem einer unbeschwerten Unterhaltung ansiedeln. Zu Zwecken der „Umerziehung“ oder besser der Aufklärung aber soll uns der Dokumentarfilm gelegen kommen. Will sagen: dem objektiven tendenzlosen Filmbericht, der uns das Bild der Wirklichkeit im Ausland, vor allem aber in Deutschland einfängt, möchten wir eine hohe Bedeutung zusprechen. Wir Menschen heutiger Zivilisation sind ja immer in Gefahr, egozentrisch dahinzuleben, ohne von anderen zu wissen, die ein anderes Schicksal tragen. Hier könnte der Dokumentarfilm helfen, daß wir näher zusammenkämen und einander verstehen lernten. Wie der Kulturfilm älteren Stils – dessen Tradition in Deutschland nicht abreißen darf – das Wissenswerte oder das Schöne zeigt, so sollte der Dokumentarfilm uns das Leben zeigen. Je mehr er sich dabei um Ehrlichkeit und ungeschminkte Wahrheit bemüht, je sorgsamer er jegliche Propaganda meldet, desto größere menschliche Wirkung wird er tun.

Der Kinobesitzer sagt: „Was soll ich armer Teufel machen? Ich weiß: die Leute wollen Beiprogrammfilme sehen. Aber was tun, wenn der Spielfilm des Programms, der Hauptfilm, zu lang ist? (Er ist heute meistens zu lang: das haben die englischen Filme angefangen.) Die Leute sind gewöhnt, daß die Anfangszeiten der Vorführungen zwei Stunden auseinanderliegen. Eine Viertelstunde dauert’s, das Publikum raus- und reinzulassen. Eine halbe Stunde sollte das Beiprogramm füllen, eine Stunde und fünfzehn Minuten der Hauptfilm. Aber wenn der Hauptfilm zu lang ist, wird, da man auf die „Wochenschau‘ nicht verzichten kann, der Beifilm gestrichen. Wie sollte man’s anders machen?“

Nun, man könnte die Anfangszeiten ändern, man könnte eine Vorstellung weniger ansetzen, das wäre denkbar. Man müßte obendrein zu einer Praxis zurückkehren, wie sie früher üblich war: Die Vorführung wertvoller Kultur- und Dokumentarfilme müßte gewisse Steuererleichterungen mit sich bringen; das wäre ein Anreiz für die Kinobesitzer, die Dokumentarfilmrollen nicht in ihren Kassetten schlafen zu lassen.

Steuererleichterungen ... Das ominöse Wort ist kaum gefallen, als die Gesprächspartner – ein Produzent, ein Verleiher, ein Lichtspieltheaterbesitzer – sogleich darin übereinstimmen, daß die Chefs der elf westdeutschen Länder „ihrem Herzen einen Stoß geben sollten.“ Folgender Vorschlag: Wie, wenn man die „Prädikate“ wieder einführte? Die „Prädikate“, die im „Dritten Reich“ soviel von sich reden machten, entstammen der Idee nach ja aus der Zeit vorher. Das Propagandaministerium bösen Angedenkens hatte nur Begriffe wie „staatspolitisch wertvoll“ hinzugefügt und laut betont. Und dieses Merkwort freilich soll heute nicht wiederholt werden.

„Wie wäre es mit der Bezeichnung ,ethisch wertvoll‘ ...?“ meint der Produzent.