Vorsicht! Wer will hier Richter sein? Man sollte die Wertungsskala für die Spielfilme auf das künstlerische Maß beschränken. Man sollte die Vorführung des künstlerisch wertvollen Films „steuerbegünstigen“. Alsdann trügen die Unterhaltungsfilme, die „sowieso ihr Geld bringen“, mit das Risiko des künstlerisch anspruchsvollen Films, dessen Schöpfer es leichter hätten, sogar ein Experiment zu wagen.

„Steuererleichterung oder nicht“, meint der Produzent. „Auf jeden Fall war es höchste Zeit, daß sich die Kultusminister der Länder um den Film kümmerten. Der künstlerische Film braucht Förderung, und sei es zunächst nur die geistige ...“

Wir bestimmen die Plattform

Nähe von Wiesbaden liegt am Rhein das Biebricher Schloß. Einst hat Richard Wagner dort komponierend gesessen. Heute sieht der stattliche Bau stark ramponiert aus. Die einzige Bombe, die einen Seitenflügel ankratzte, hat soviel Schaden nicht angerichtet. Besatzungstruppen waren in den bis dahin heilen Räumen einquartiert, danach DP’s –: das ist dem Gebäude sehr schlecht beikommen. Kahle, schmutzige Wände, Eingänge ohne Türen, Zimmer ohne Fußböden. Dies Haus hat die Stadt Wiesbaden den Filmleuten zur Verfügung gestellt; seither beginnen die leeren Säle wieder Gestalt und Form anzunehmen. Und in diesen Räumen soll die „Selbstkontrolle“ des Films tagen. Zwei Ausschüsse sind vorgesehen: ein Hauptausschuß, der aus fünfzehn Mitgliedern, und ein Arbeitsausschuß, der aus sechs Mitgliedern besteht. „Der Film ist mündig geworden“, so hat Curt Oertel, der Meister der Kamera, dessen vor Jahren gedrehter „Michelangelo“-Film just in diesen Osterfeiertagen einem Wiesbadener Kinobesitzer noch einmal volle Häuser bescherte, kürzlich auf einer Tagung in Bad Reichenhall gesagt, auf der sich Produzenten und Filmtheaterinhaber auf Einladung der Filmverleiher trafen. „Wir gemeinsam bestimmen die Plattform, auf welcher der Film leben wird.“

„Freiwillige Selbstkontrolle“ aber bedeutet, daß ein Gremium von Filmfachleuten und Kulturbeauftragten –, als da sind die Vertreter der Kultusministerien und der drei Kirchen (der katholischen, der evangelischen Kirche und der jüdischen Gemeinden) – über die Filme nicht nur deutscher, sondern auch ausländischer Produktion, soweit sie in Deutschland vorgeführt werden sollen, zu Rate sitzt. Es war zu erwarten, daß Stimmen aus dem Ausland sich erheben würden, woher die Deutschen sich eigentlich das Recht nähmen, über ausländische Filme zu Gericht zu sitzen. (Solch eine Stimme kam diesmal aus Frankreich.) Ja, woher dies Recht? Daher, daß – nach Curt Oertels Ausspruch – der Film auch in Deutschland eine Kulturmacht ersten Ranges ist, eine Kulturmacht und endlich mündig.

Institut für Filmkunde

Diesem Rat der „Selbstkontrolle“ – der auf dem Gebiet des Films tatsächlich etwas wie eine trizonale Einigung hergestellt hat – wird ein „Institut für Filmkunde“ angeschlossen, das Hanns Wilhelm Lavies, einst Mitarbeiter der „Ufa-Lehrschau“, leiten wird. Der stand gerade zwischen Bücherregalen, Bücherkisten, Bücherbergen und erklärte den Sinn seiner Arbeit: „Wir sammeln die Fachliteratur, bauen eine Filmstatistik auf, wie dies früher das Amt für Konjunkturforschung getan hat, halten Verbindungen zu den Universitäten, sammeln Vorlagen und Dissertationen über Filmrecht und die wirtschaftlichen Bedingungen des Films.“ Und wie wichtig es in der Tat ist, eine zentrale Stelle zu haben, die alle möglichen Auskünfte geben kann, möge folgender Fall beweisen: Es besteht mehr als Verdacht, daß sowohl der Titel als auch der Stoff von Paul Verhoevens soeben aufgeführten Film „Du bist nicht allein“ nicht von dem im „Vorspann“ genannten Drehbuchschöpfer, sondern von dem Filmautor Helmut Brandis stammt, dem Inhaber der „Phönix-Film-Gesellschaft“, Berlin. Dieser hat nun durch seinen Münchner Rechtsanwalt Dr. Hess Arrestbefehl und Pfändungsbeschluß in Höhe von zunächst 50 000 D-Mark gegen Paul Verhoeven und seine „Verhoeven Filmproduktion-G. m. b. *H.“ erwirkt. Und weiterhin droht Brandis an, Verhoeven werde sich strafrechtlich noch zu verantworten haben ... Ist es aber bei einem Mann vom Range Verhoevens anzunehmen, daß er voller Absicht einen fremden Stoff gestohlen hat? Viel eher ist glaubhaft, daß er auf irgendeinen Mann hereingefallen ist. der es mit dem Autorenrecht in Deutschland nicht ernst nahm. Ein bekannter Filmautor, dem schon große Stoffe gelungen sind, sagte dazu: „Früher haben die ‚Ufa‘, die ‚Tobis‘, die ,Bavaria‘ so manches Exposé, manches Drehbuch, in Auftrag gegeben und bezahlt, das zunächst in der Versenkung verschwand. Wer weiß, was davon noch auftauchen wird und unter welchem Namen ... Es müßte eine Stelle geben, die einem Produzenten in Zweifelsfällen Auskunft gibt.“ – Nun, das „Institut für Filmkunde“ mag dazu eines Tages in der Lage sein.