„Selbstkontrolle“, „Institut für Filmkunde“, „Verband der Filmverleiher“, „Arbeitsgemeinschaft der Filmproduzenten“ – diese und ähnliche Titel sind ausgerechnet in Wiesbaden zu finden. Hier sitzt einer der maßgeblichen Filmverleiher, vielleicht der maßgeblichste überhaupt: Schorcht, der nicht nur Geschäftsmann, sondern gottlob ein Idealist und bereit ist, seinen Einfluß nicht nur für kassensichere Erfolgsfilme, sondern auch für Experimente einzusetzen. Hier, im amerikanisch besetzten Wiesbaden, sitzt sogar der Syndikus der Filmproduzenten aus der französischen Zone. Was ist denn los in Wiesbaden, der Badestadt, der man einst nachsagte, es hätte ihr noch stets an Initiative gefehlt? (Man sagt dies gern von allen Badestädten, da nichts leichter und bequemer zu sein scheint, als von Kurgästen zu leben.)

Wir haben am Anfang dieser Untersuchung („Die Zeit“ vom 14. April) die Frage nach den künftigen westdeutschen Produktionszentren gestellt. Ohne Zweifel hat Wiesbaden alle Chancen, ein Filmzentrum ersten Ranges zu werden. Den Ehrgeiz freilich haben viele Städte, ob groß, ob klein: Bei Remagen gibt es ein Atelier, das zunächst für Synchronisationen französischer Filme diente; in Tenninge, nahe bei Freiburg, ist eine ehemalige Fabrik für Tuben in ein Filmstudio umgewandelt worden, in Kassel plant man ein Filmgelände, in Göttingen hat man Ateliers errichtet, die nichts zu wünschen übriglassen. Aber was in Göttingen gelang, wird in anderen Städten von ähnlicher Ländlichkeit nicht möglich sein. Göttingen – so hat Curt Oertel sich geäußert, der in Wiesbaden sitzt – sei eine ideale Arbeitsstätte für Filmbesessene, die in gewisser Abgeschiedenheit ein Kunstwerk verwirklichen oder ein Experiment wagen wollen. (Und wirklich hat den Gründern des Ateliers so etwas vorgeschwebt.) Aber schwerlich würde das Göttinger Atelier mit seiner zwar tadellosen, aber relativ kleinen Kopieranstalt genügend Kapazität aufbringen können, um so leistungsfähig zu sein, wie dies der deutsche Bedarf an Filmen schon quantitativ verlange.

Von München abgesehen, stehen drei Städte in ernsthafter Konkurrenz: Wiesbaden, Düsseldorf und Hamburg. Eine Stadt wird das „Rennen machen“, und zwar diejenige, die am meisten Initiative und – Glück entfaltet.

Es war ein Glück für Wiesbaden (und es war das Ergebnis einer vernünftigen Förderung durch die amerikanische Besatzungsbehörde), daß der einst führenden Kopierfirma „Afifa“, früher im Verband der „Ufa“, eröffnet wurde, sie könne wieder über ihr Kapital verfügen. Die „Afifa“ – da sie schließlich auch nur Kopien von Filmen herstellen kann, die vorher gedreht wurden – bemühte sich um Ateliers, die sie den Produktionsfirmen zur Verfügung stellen könnte. Die Stadt Wiesbaden begriff ihre Chance, und gab eine Reithalle in der Nähe des Neroberges frei, war fernerhin großzügig in der Bewilligung von Baumaterial und großzügig auch gegenüber den Anträgen erfahrener Filmleute, die um Zuzugserlaubnis nachsuchten. Die „Comedia“-Filmgesellschaft, von Alf Teichs und Heinz Rühmann geleitet –, zwei alten „Filmhasen“ –, beschloß, ihren „Schwerpunkt“ von München, wo sie bisher gearbeitet, nach Wiesbaden zu verlegen. Sie fand ein geräumiges Studio, rundum ein Gelände, das sich fast beliebig weit ausbauen läßt, und wird in der ersten Maihälfte mit einem neuen Film „ins Atelier gehen.“

Konzentration der Kräfte

„Was spricht für Wiesbaden als zukünftige Filmstadt?“

Diese Frage beantwortete ein prominenter Mann, der sich vor Jahren vergeblich um Hamburg bemühte, so: „Es ist nicht nur, weil hier die Fachverbände des Films ihren Sitz aufgeschlagen haben; das wäre das wenigste. Daß die ,Selbstkontrolle‘ in Wiesbaden sitzt, wird sich schon eher günstig auswirken. Daß neben dem Filmverleiher Schorcht auch die ‚Ifa‘, der französische Filmverleih, ein Hauptbüro hier aufgeschlagen hat, ist wichtig. Sehr wichtig ist, zu wissen, daß die ‚Afifa“ hier arbeitet: sie wird nach ihren alten Erfahrungen bald in der Lage sein, einen großen Teil des Bedarfs an Filmkopien zu decken. (Früher, als der Filmindustrie ganz Deutschland und große Teile des Auslandes als Absatzbereich zur Verfügung standen, brachten die deutschen Kopieranstalten es jährlich auf 30 000 Kopien; künftig wird man bei einer jährlichen Produktion von 40 oder 50 Filmen zufrieden sein müssen, wenn 3000 Kopien lieferbar sind.) Ob sich die Tatsache günstig auswirken wird, daß sich in Wiesbaden die Meteor’-Filmgesellschaft niedergelassen hat, eine Firma mit französischer Lizenz, bleibt abzuwarten. Es heißt immerhin, diese Firma werde mit Bertram, dem Chef der ‚Atlantis‘, die in Baden-Baden ihren ersten Film vollendet hat, eine Gemeinschaftsarbeit drehen. Bedeutsamer sind die Pläne der ‚Comedia‘ –: sie will allein im Laufe dieses Jahres vier Filme in Wiesbaden fertigstellen. Aber das alles ist nicht so wichtig wie die Tatsache, daß in Wiesbaden eine Verbindung zwischen Filmproduktion und Filmindustrie zustande zu kommen scheint. Kräftekonzentration! Ferner: Frankfurt, Mainz und die kleineren Theaterstädte wie Gießen und Darmstadt liegen nahe –: die liefern Darsteller, so viel man braucht. Und das Wichtigste: Wiesbaden hat jenes Gewisse, das man ‚Flair‘ oder ‚Spirit‘ nennt. Es liegt eine Stimmung in der Luft, die der eigentümlichen Atmosphäre des Films günstig ist: etwas Spielerisches, Unvoreingenommenes, Lässiges. Dies ist gerade das, was Hamburg fehlt... (Doch dies mag er sagen, weil er „eine Wut auf Hamburg“ hat, auf die Stadt, die den Filmleuten damals, als sie sich von Berlin aus dorthin wandten, „die kalte Schulter zeigte.“)