Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G., London, Anfang Mai

Ob es wohl richtig war, daß die britische Labour Party ihrem Entwurf zu einem Wahlprogramm für 1950 den Titel gab „Labour glaubt an England“? Nicht allein ist es für jeden Briten eine überparteiliche Selbstverständlichkeit, an England zu glauben, die versöhnlich gemeinte Parole aus dem Labour-Lager hat auch die Gegenfrage „Glaubt England an Labour?“ in einem Umfange geweckt der den Wahlarithmetikern der Arbeiterpartei nicht ganz geheuer ist.

Nun soll man sich durch das Wahlergebnis für den Londoner Stadtrat, dessen fünfzehn Jahre hindurch gehaltene starke Labour-Mehrheit in einem toten Rennen, mit den Konservativen ein Ende gefunden hat. nicht dazu verleiten lassen, eine ähnliche Wandlung für das britische Parlament bei der Wahl im nächsten Jahre zu erwarten. Die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen in England ist derart gering, daß die konservative Wahlpropaganda hier nicht vor der schweren Aufgabe stand, neue Wähler zu finden, sondern vor der sehr viel leichteren, alte Wähler aus ihrer Lethargie heraus an die Wahlurne zu bringen. Es kommt hinzu, daß die Londoner Stadtverwaltung in den Nachkriegsjahren unnötig viel Staub angesetzt hat. Labour im London County Council hat sich nie ganz davon erholt, daß ihr aktiver Reformer Herbert Morrison, der Vater nicht nur vieler neuer Arbeiterwohnungen sondern auch der harmonischeinfachen, fast monumentalen Waterloo-Brücke, inzwischen vom Londoner Rathaus südlich der Themse auf das andere Ufer in leitende Regierungsaufgaben hinübergewechselt ist.

Herbert Morrison soll nicht nur das Titelbekenntnis „Labour glaubt an England“ sondern auch den Tenor des Textes jenes Entwurfes bestimmt haben, den der Pfingstkongreß der Labour Party zu erörtern haben wird. Seine Freunde nennen das Programm gern einen „gemäßigten Appell“ an die „entscheidenden“ Wähler – nämlich an diejenigen, die nicht durch Partei- oder Gewerkschaftszugehörigkeit schon jetzt auf den Labour-Kandidaten festgelegt sind. Gewiß, es ist manche Mäßigung im Labour-Programm zu erkennen. Cripps hat seinen Beitrag mit der Mahnung geleistet, daß weitere soziale Reformen, die Geld kosten, erst aus einem größeren Realeinkommen, bezahlt, werden können, Handelsminister Wilson versucht, die Mühsal der Dollarbeschaffung, durch ermunternde Worte über das Abenteuer des Handels auf unerforschten Märkten vergessen zu machen. Auch zu Hause wird die private Initiative gepriesen, ihr Wettbewerb mit sozialistischen Betrieben des gleichen Gewerbes auf der Basis der Ökonomie versprechen, Und nicht Marx, sondern christlichere Philosophen haben bei dem Satze Pate gestanden, daß die soziale Sicherheit nicht das Ziel, sondern nur Station auf dem Wege zu höherem Glück sei.

Doch auch die radikaleren Elemente in der Labour Party hatten sich zu oft zu Wort gemeldet, als daß man sie bei einer Programm aufstellung übersehen könnte. Es sind vor allem Männer wie Gesundheitsminister Bevan, Kriegsminister Shinwell und einige aktive Staatssekretäre, die in der Chance einer sozialistischen Regierung ein Sechs-Tage-Rennen sehen: man muß ständig Räder sich drehen sehen; Stillstand erscheint ihnen als Rückgang, Konsolidierung als Schwäche. Der radikale Walliser Hitzkopf Aneurin Bevan hatte schon früher den vorsichtigeren Elementen der Labour Party die Pistole der Stahl-Sozialisierung auf die Brust gesetzt. Er will es jetzt um jeden Preis knallen hören, obwohl die Drohung mit der Sozialisierung ausgereicht hat, um die britische Stahlindustrie von sich aus ein Modernisierungsprogramm ausarbeiten zu lassen, das durch Sozialisierung wohl übertrieben, jedoch kaum verbessert werden kann. Auf den Bevan-Flügel dürfte es zurückzuführen sein, daß sechs weitere Wirtschaftszweige verstaatlicht werden sollen: die Zucker- und die Zementindustrie, Wirtschaftszweige, in denen es nur wenige Konzerne gibt, die aber sehr rationell arbeiten, so daß hier gute Pfründen für Diener des Staates zu finden wären. Ferner die Klein-Lebensversicherung, in sich eine teure Versicherungsform für den kleinen Mann, bei der man jedoch zugleich einen der mächtigsten Pfeiler der britischen Privatwirtschaft „übernehmen“ könnte, nämlich die Prudential-Versicherung, deren Kapital in so ziemlich allen Wirtschaftszweigen Englands arbeitet. Sodann die Schlachthöfe und Kühlhäuser, deren undurchsichtige Geschäftspraktiken seit langem öffentliche Aufmerksamkeit finden, und die Wasserversorgung, bei der es sich zumeist um eine Umschaltung von der kommunalen auf die staatliche öffentliche Hand handeln würde. Endlich die „geeigneten“ Mineralien: eine Ausdehnung der Sozialisierung von Kohle und Eisenerz auf Zweige von geringerer Bedeutung.

Es ist nicht überraschend, daß in der britischen Öffentlichkeit gefragt wird, ob denn die Verstaatlichung erfolgreicher, leistungsfähiger Wirtschaftszweige für das Glück der Sozialisten wirklich notwendig sei? Vielen erscheint es als sehr viel notwendiger, daß die Labour-Anhänger aufhören, das ständige Wachstum des Sozialstantes zu fördern, ohne an die Gegenrechnung zu denken. Nur zufolge der mangelnden Kenntnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen konnte es möglich werden, daß entsetzte Gewerkschaftler das Ausbleiben von Steuervergünstigungen im letzten Budget nicht als die Folge hoher Rüstungs- und Sozialausgaben, sondern als ein „Versagen“ von Schatzkanzler Grippe betrachteten hinsichtlich seiner Aufgabe, die Lebenshaltung der Arbeiter zu verbessern. Die Labour Party wird die Notwendigkeit größerer Leistung ansehen. müssen, bevor sich eine genügende Zahl von Wählern davon überzeugen läßt, daß Labour nicht nur an England glaubt, sondern auch für England zu handeln gedenkt.