Im Manchester Guardian“ war kürzlich zu lesen: Westdeutschland müsse seine industrielle Erzeugung durch Aufnahme bisher nicht hergestellter Waren erweitern; so solle das deutsche Volk „seinen Glauben an die eigene Wiederaufrichtung dokumentieren“. Das ist ein ausgezeichneten Vorschlag.

Wir denken naturgemäß in erster Linie, wenn uns solche guten Ratschläge zukommen, an die Produktion von Buna und synthetischem Benzin, an den Schiffbau speziell an den Bau von Motorschiffen und Walfängern – und an ähnliche Dinge. Vielleicht hat es sich auch schon bis nach Manchester herumgesprochen, daß uns schwere Schmiedepressen fehlen – und, auf einem ganz anderen Gebiet, daß wir empfindlichen Mangel an Holz haben, aus Gründen, die einmal in der Anordnung von-Zwangsexporten liegen und zum Zweiten in der eigenartigen Durchführung handelsvertraglicher Abmachungen seitens der JEIA.

Deshalb liest man bei uns mit recht gemischten Gefühlen, was der Londoner Korrespondent des „Hamburger Echo“ über die öffentliche Meinung in Großbritannien zu berichten weiß: nämlich daß dort die Errichtung von „Luxusrestaurants“ in den deutschen Großstädten mißbilligt werde, zumal der (in England so vorbildlich geförderte) Wohnungsbau bei uns nicht vorankomme...

Leider sind wir nicht in der Lage, nach englischem Muster jährlich Milliarden-Subventionen an Lohn- und Gehaltsempfänger für die Verbilligung von Lebensmitteln und Mieten zu geben. Wir müssen schon unsern eigenen Stil für die Methoden der wirtschaftlichen reconstruction finden, und die guten Ratschläge, die Verfahren des britischen Labour-Wohlfahrtsstaates getreu zu kopieren, sind nicht recht geeignet, uns in dem „Glauben an die eigene Wiederaufrichtung“ zu ermutigen. Die öffentliche Meinung in Großbritannien, die uns derartige Ratschläge zukommen läßt, ist leider durch ihre westdeutschen Korrespondenten recht lückenhaft über die wirklichen Verhältnisse hierzulande unterrichtet, und deshalb sind die guten Ratschläge, mögen sie auch wohlgemeint sein, kaum praktikabel. Weniger freundlich als im „Manchester Guardian“ ist der Ton in der „Times“. Dort war kürzlich zu lesen: Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs, der nach dem 20. Juni bei uns in Erscheinung getreten ist, würde es nicht überraschen, „wenn der angebliche Ruin Deutschlands nach 1945 sich genau so als ein Märchen erweisen sollte wie der angebliche wirtschaftliche Zusammenbruch nach 1918“. Da ist es wirklich schwer, nicht bitter satirisch zu werden... Aber vielleicht genügt der Hinweis darauf, daß die ,,Times“ doch wohl, wenn wir uns recht entsinnen, die Einbeziehung der deutschen Westgebiete in das ERP als erwünscht und notwendig bezeichnet hat, und der weitere Hinweis darauf, daß der trend unsrer neuerdings so steil aufsteigenden Produktionskurve genau auf den Punkt hinläuft, der bis 1953 erreicht werden muß.

England, das – je Kopf der Bevölkerung gerechnet – wesentlich mehr an Marshall-Hilfe erhält als die Westzonen, tut sich ja selber schwer, das Ziel des Longterm-Planes zu erreichen. Daß wir es nicht schaffen werden, ist (trotz der Anfangserfolge, zu denen die Neuordnung der Währungsverhältnisse ganz entscheidend beigetragen hat) so gut wie sicher; mit Recht hat einer unsrer Fachleute kürzlich von den „Phantasiezahlen“ in allen bisherigen Investitionsplanungen und -plänen gesprochen: sie sind auch phantastisch, sind „gegriffen“, ohne jede reale Basis. Wir könnten es verstehen, wenn sich Moskau angesichts der unüberbrückbaren Kluft – zwischen den Planzahlen und den realen Möglichkeiten für den Wiederaufbau Westdeutsche lands – mit einiger Schadenfreude äußern würde; die etwas schrullige Art aber, wie die Londoner „Times“ die Fortschritte in der wirtschaftlichen reconstruction bei uns unfreundlich glossiert, bleibt unverständlich – zumal wenn im gleichen Atemzuge das Lob der „westeuropäischen Solidarität“ verkündet wird.

Der Generaldirektor der JEIA, Mr. Cahan, hat in seiner vielbeachteten Rede zur Eröffnung der Exportmesse Hanover nicht nur vom „Ende der Flitterwochen“ gesprochen, womit er offenbar die Zeit der uns (durch die Weisheit alliierter Berater, sehr, gegen unsern Willen) „geschenkten“ Geldfülle meinte, sondern sich auch erneut gegen einen den Kaufkraftparitäten besser angepaßten Außenkurs der DM und für die Beibehaltung der Dollarklausel erklärt. Ein Abgehen von der Klausel, so meinte er, „würde wahrscheinlich nur dazu führen, daß die Bank Deutscher Länder große Guthaben in gewissen („weichen“) Fremdwährungen erhielte, mit denen wir keine nützlichen Importe bezahlen könnten“.

Bei allem Respekt vor der Autorität von Mr. Cahan ist dazu nur zu sagen, daß er sich hier offenbar unnütze Sorgen macht. Eine am langen Zügel geführte deutsche Handelspolitik würde es vermutlich fertigbringen, gegen zusätzliche Exporte nach Ländern mit weicher Währung zusätzlich das an Importen hereinzubekommen, was wir sehr wohl brauchen können, so daß es gar nicht erst zum Entstehen unverwertbarer Guthaben aus Exporterlösen käme. Außerdem sind Devisen ja nicht schlechthin „unverwertbar“, sondern haben immer ihren Kurs: neben dem „amtlichen“ noch den „freien“ Kurs, den man ja kennt, also einkalkulieren kann ...

Es will uns auch so scheinen, als ob Mr. Cahan bei seiner jüngsten Stellungnahme nicht ganz up to date der Diskussion gewesen sei, die neuerlich unter dem Stichwort „Währungsangleichung“ geführt wird (um den für manche Ohren peinlichen Begriff „Abwertung“ zu vermeiden). Da tut sich ja nun eine Menge: Marshall-Plan-Administrator P. Hoffman meinte, daß noch in diesem Jahre ein freier Devisenverkehr zwischen den ERP-Staaten zustande kommen werde; Staatssekretär Snyder aus Washington sagte etwa dasselbe, und Mr. Tasca vom Internationalen Währungsfonds ist bereits in Paris eingetroffen, wo er Mr. Harrimans Finanzberater sein wird. Die Dinge sind demnach im Fluß, das heißt also auch, daß die „Anpassung“ unsrer DM-Hartwährung mit zur Diskussion steht und daß über die Dollarklausel gesprochen werden muß: „noch in diesem Jahre“, wie Mr. Hoffman glaubt. E. T.