Von Walter Abendroth

Der große Musiker, der am 5. Mai sein achtzigstes Lebensjahr vollendet, ist nie Gegenstand der allgemeinen Gunst gewesen, so sehr auch seine Kunst durchaus die Fähigkeit der Wirkung nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Breite besitzt. Aber freilich ist diese Kunst, im Ernsten wie im Heiteren, von der Art, die ein allgemeineres Qualitätsgefühl voraussetzt, als es seit vielen Jahren schon je länger desto weniger in der Menge des mehr oder minder zufällig zusammengelaufenen Publikums – zumal der Oper – anzutreffen ist.

In die reichste Zeit seines Schaffens und Wirkens fiel bald schon der Beginn jenes progressiven Schwundes des allgemeinen Wertbewußtseins und der allgemeinen Wertsubstanz; das Sensationelle in der Maske des sogenannten „Aktuellen“ und das Billige in der Verkleidung des sogenannten „Eingängigen“ wurden immer bestimmter die Forderung des Tages und verdrängten in wachsendem Maße die starken und stillen Werte, die über jeder denkbaren Tagesforderung stehen. In einer solchen Situation muß jeder schöpferische Mensch, der in einem ersten, und wahren Sinne ein „Eigener“ ist, ein Einsamer sein. So hat auch Hans Pfitzner von Anfang an bis heute niemals die Förderung irgendeiner zeitüblichen „Kunstrichtung“ genossen, weil er keiner Richtung verschrieben war. Seine Jugend – den Begriff sehr weit genommen – sah um sich die Höhe- und Verfallsepoche der Programmusik mit deren Auflösung im Impressionismus. Seine Reife war bereits umwittert von den Sturmzeichen der modernen „ars nova“, die sich zunächst im Negieren alles Vorherigen, im ganz naiven Bürgerschreck gefiel. Abseits dieser einander ablösenden Strömungen stand Pfitzner als eine völlig in sich geschlossene, fest umrissene Erscheinung. Trotzdem nicht etwa auf verlorenem Posten außerhalb der Geschichte. Vielmehr verband ihn, schon in gewissen Werken der Jahrhundertwende, mehr mit dem kommenden Stil, als er selbst oder gar die parteifanatischen Theoretiker der „Neuen Musik“ je wahrhaben wollten.

Wer Pfitzners Musik einmal daraufhin studiert, kann in allen Epochen seines Schaffens zum Teil um Jahrzehnte vorweggenommene Spuren jener Synthese zwischen traditionellharmoniebestimmter und neuzeitlich-linearen Satzform finden, die als allgemeineres Phänomen erst in unserer heutigen Gegenwart Ereignis wird. Es gibt pfitznersche Musik, schon seiner jüngeren Jahre, der etwa ein späterer Hindemith gar nicht so fern steht, wie die beiden! Namen – sofern sie Begriffe sind – es mutmaßen lassen sollten. Dies wird hier gesagt, nicht, weil Hans Pfitzner eines derartigen Hinweises als einer „Empfehlung“ bedürfte, sondern weil es die objektive zeitüberlegene Bedeutung seiner Abseitigkeit kennzeichnet. Zugleich mag es dazu dienen, die gedankenlose Phrase vom „letzten Romantiker“, mit der er seit langem abgestempelt und abgetan zu werden pflegt, einer Revision zu unterziehen. Eine Phrase, die schon deshalb so töricht ist, weil es eine unvergängliche „Romantik“ gibt, in welcher mit irgendeiner Faser schlechthin jeder Kunsttrieb wurzelt, während andererseits unsere realitätsstolze Zeit so voller schauerromantischer Illusionen und Ideologien steckt, daß sie wahrlich vorsichtig damit sein dürfte, Romantik mit Verjährtheit gleichzusetzen ...

Hans Pfitzner, der mit dem „Armen Heinrich“, der „Rose vom Liebesgarten“, dem „Palestrina“ und dem „Herz“ das musikdranmatische Erbe des neunzehnten Jahrhunderts in echtere musikalische Münze umprägte, es stilistisch reinigte und, bei aller dramatischen Kraft und sinnlichen Schönheit, bis zur letzten Vergeistigung sublimierte, der mit den großen Kantatenwerken „Von deutscher Seele“ (worunter die Welt Eichendorffs verstanden wird), ,,Das dunkle Reich“, mit bedeutenden Instrumentalkonzerten, drei Sinfonien, der köstlichen Musik zu Kleists „Käthchen von Heilbronn“, mit manchen anderen Kompositionen, insbesondere der Kammermusik, vor allem auch mit einer großen Anzahl herrlichster Lieder unseren Besitz an hochmeisterlicher Musik um unverlierbare Schätze bereicherte, blieb, wie gesagt, ein Einsamer. Obwohl er von früh an auch äußere Triumphe erlebte, obwohl er lange auch als Praktiker an leitenden Stellen des Musiklebens stand, obwohl ihm, dem wegen seiner bedingungslosen Wahrhaftigkeit in allem als unbequem verschrienen, temperamentvollen, humorgesegneten und geistsprühenden Menschen nichts weniger liegt als die Rolle des Asketen und Eremiten.

Und doch hat dieser große „Eigene“ einmal in einer Art in der „Welt“ gewirkt, deren sich kaum ein anderer Künstler rühmen konnte: als im dritten Jahr des ersten Weltkrieges der „Palestrina“ erschien, bereitete diese den Meister auch als leichter von hohem Rang ausweisende Legende um das Geheimnis der Stellung des schöpferischen Geistes zur menschlichen Umwelt, der Persönlichkeit zur Gemeinschaft, nicht nur vielen Deutschen das erschütternde Erlebnis einer geistigen Realität im Gewand eines hochinspirierten Kunstwerks, sondern auch einem internationalen (also damals „feindlichen“) Publikum, dem es Bruno Walter auf einer Gastspielreise des ganzen Münchner Ensembles durch die Schweiz (1917) vorführte.

Der achtzigjährige Hans Pfitzner, um den es bei uns still geworden ist, wird, allen Anzeichen nach, in Deutschland wieder einmal „durch Schweigen geehrt“ mindestens gemessen an dem, was ihm gebührte und was ihm kürzlich das befreite Österreich bot. Nachdem ihn München in ein Altersheim verwiesen hatte, bot ihm zuerst Salzburg, dann auch Wien eine Wohnstätte (im Schloß Schönbrunn) an. Wien ehrte ihn auch durch eine Reihe festlicher Aufführungen in der Oper und im Konzertsaal. Der leidende Meister, der bei dieser Gelegenheit den Wiener Philharmonikern als versprochenen Dank „an den, der ihm seinen Lebensabend materiell ermöglichen werde“, die Originalpartitur des „Palestrina“ zum Geschenk machte, konnte sich mit tiefer Genugtuung davon überzeugen, daß es, trotz allem, seine Richtigkeit hat mit jenem echten Ruhm, „der still und mit der Zeit sich um ihn legte wie ein Feierkleid“, wie es im „Palestrina“ heißt.

Seinen deutschen Landsleuten möge dieses Beispiel Österreichs zur Beschämung und Verpflichtung dienen.