Von G. H. Eickert

Der Verfasser dieses „Porträts“ eines alltäglichen Menschen kehrte unlängst aus China zurück, wo er an der Universität Hsinking gelehrt hatte.

Obwohl Herrn Wen der sprichwörtliche chinesische Egoismus fehlte, war er typischer Sohn des Reiches der Mitte. Er gehörte einer der zahlreichen Familien an, die der seit dem ersten Weltkrieg in China fast ununterbrochen tobende Bürgerkrieg durcheinander gewürfelt hatte. Er lebte in der Mandschurei, einem Land, das mehr noch als andere chinesische Länder Schauplatz der Unruhen, Revolutionen und internationaler Auseinandersetzungen gewesen war.

Herr Wen war ein patriotisch denkender Chinese, obgleich er die Japaner schätzte. Er hatte in Japan einige Semester Medizin studiert und rühmte das Bildungswesen dieses Insel Volkes sehr. Später, als er längst wieder nach China zurückgekehrt war, hatte ihn die japanische Besatzungmacht verhaftet, da er ihr unter den übrigen jungen Chinesen wegen seines intelligenten Gesichtes aufgefallen war. Ja, wahrhaftig, dieses intelligente Gesicht war zunächst der einzige Grund, denn für die Japaner war ein kluger Mensch identisch mit einem gefährlichen Menschen.

Herr Wen hatte keine sehr hohe Meinung von den eigenen Landsleuten. „Worte, nichts als Worte“, sagte er einmal zu einem europäischen Freund, der den Versprechungen anderer Chinesen geglaubt hatte, aber er sah auch die Nachteile der Japaner: es fehle ihnen an Feinheit; im Herzen seien sie zu simpel und zu roh. (Das ist ein hartes Urteil im Munde eines Chinesen, der durch jahrhundertealte psychologische Beobachtungsgabe seines Volkes zurückhaltend und vorsichtig geworden ist im Urteil über andere Menschen.)

Herr Wen hatte einen Schwager, den krausköpfigen Bi, ein Mann, der schon eher auf gut chinesisch seinen Vorteil zu wahren wußte. Der hatte ebenfalls in japanischer Haft gesessen. Schreckliches konnte er aus dieser Zeit über Mangel an Nahrung und Beheizung, über Krankheit und überfüllte Zellen berichten. Er war ein nicht so guter, aber ebenso typischer Vertreter der chinesischen Öffentlichkeit, in der überall Vettern- und Profitgier herrscht und in der jeder, dem die nötigen Beziehungen fehlen, zum Scheitern verurteilt ist. Dieser noch junge Schwager haßte China; da er es als ein Land ohne große Möglichkeiten ansah, in dem man von Zeit zu Zeit nur immer wieder sagen könne: „Wir können nichts tun.“ – Ohne Zweifel hatte ihn die langjährige japanische Haft nicht nur gegen die Japaner, sondern auch gegen die eigenen Landsleute aufgebracht – diese Haft, von der Herr Wen sagte, daß er selbst sie nur durch den „Geist“ überstanden habe. Aber sicher war es nicht der Geist im Sinne eines intellektuellen Wissens, der Herrn Wen zu einem so uneigennützigen Menschen machte, daß er es auch da noch für seine Pflicht hielt zu helfen, wo solche Hilfe gefährlich war (so hatte er nach Beendigung des chinesischjapanischen Krieges 1945 zwei japanische Soldaten bei sich verborgen, obwohl er sich dadurch selbst in Lebensgefahr brachte). Mehr als der Geist war es eine Gesinnung, die ihre ethischen Normen aus den Lehren des weisen Konfuzius schöpfte.

Aber es gab auch eine merkwürdige, für europäisches Denken nur schlecht zu verstehende Eigenschaft an diesem redlichen Mann: das war sein natürliches Verhältnis zum Räubertum. Die uns Europäern geläufige Formel „Lieber ehrenhaft betteln als stehlen“ hielt er für grundfalsch. Er schlug statt dessen ein gemeinsames Räuberhandwerk vor. Er kannte die Verständigungszeichen und Gepflogenheiten dieses uralten, für chinesische Mentalität durchaus ehrenhaften Standes, der in China sowohl auf der nationalen wie auf der roten Seite der Armeen zu finden ist. In einer Zeit der Verachtung, wo der Mensch dem Menschen die Güter der Erde nicht gönnt, wo die Technik ihren verderblichen Siegeszug auch noch unter den weniger organisierten Völkern hält und ihre einfachen Ordnungen verwirrt, hielt er dieses Räuberhandwerk für ein erprobtes Mittel zur Erhaltung des Lebens. Er selber freilich wußte sich mit vielen kleinen Tricks vor den von ihm so geachteten Räubern zu schützen. So vermochte er Ringe (von denen er unendlich viele besaß, da er dem inflationistische Tendenzen zeigenden Geld nicht mehr traute) meisterhaft im Ohr oder im Schuhabsatz zu verstecken.

Herr Wen war Angehöriger der Kuomintang, der nationalen Volkspartei Tschiangkaischeks. Er war national gesinnt, obwohl es ihm schwerfiel, an eine Zukunft des chinesischen Volkes zu glauben. Zu sehr kannte er die Fehler der eigenen Landsleute (und er wußte genau, daß die Nachbarn Chinas diese Fehler zum Verderben des eigenen Volkes auch schon seit langem erkannt hatten). Vielleicht war es diese Schwermut, die ihn bei der Geburt seines Sohnes zu dem kleinen Scherz trieb, das Baby müsse einst der Nachfolger Tschiangkaischeks werden...