Sicher ist dies auch eine Weltreise: die Chansons und Volkslieder anzuhören, die von Irene de Noiret in Hamburg (Theater Haus der Jugend) vorgetragen wurden. Freilich reist man „wirklich“, so geht die Fahrt in fremde Länder und Städte hinein, reist man in Büchern (und wie abenteuerlich kann’s auch auf solcher Reise zugehen!), entdeckt man fremden Geist und Intellekt. Diese Reise dagegen führte bis an – manchmal gar in – das Herz fremder Menschen, die dadurch ihre Fremdheit verloren. Und vielleicht ist dies ein Maßstab, die einzelnen Liedvorträge dieser nun schon ein wenig älteren – obgleich sehr charmanten – Frau, einer Weltenbummlerin im Räume der Lieder, gegeneinander abzuwägen. Denn bis in das Herz des Volkes konnte man bei ihrem Vortrag schwedischer und – deutscher Lieder sehen, während sie bei den spanischen Weisen und französischen Chansons nur die Peripherie des Innersten südländischer Menschen anzudeuten schien. Aber vielleicht ist das auch ein Unterschied, der in den Liedern selbst liegt; wer weiß, ob nicht in südlichen Ländern, wo das Innere des Menschen weniger abgekapselt ist als bei uns, bisweilen Peripherie und Kern des Herzens zusammenfallen? Und wer will sagen, was wertvoller ist: durch französische Chansons bezaubert oder durch schwedische (und deutsche) Lieder verzaubert zu werden? P. Hühnerfeld