Von Walter Frederking

Daß der Arzt den kranken Menschen und nicht nur die Krankheit zu behandeln habe, ist eine uralte, ewig neue Forderung. (Siehe den Aufsatz über „Ganzheitsmedizin“ in der „Zeit“ vom 28. April.) Schon der altgriechische Arzt Hippokrates hat sie ausgesprochen. Wie schwer aber jene Forderung für uns, seine Nachfahren, zu erfüllen ist, das ist uns erst in den letzten Jahrzehnten deutlich geworden. Ein überaus anschauliches Bild dieser Lage bot der erste Tag des diesjährigen deutschen Internistenkongresses in Wiesbaden. Das Hauptthema seiner ersten Sitzungen war die psychosomatische Medizin, über die als die zuständigen Darsteller Viktor v. Weizsäcker und sein Mitarbeiter Mitscherlich aus Heidelberg berichteten.

Psychosomatische Medizin ist nicht nur ein neues Forschungsgebiet und damit das jüngste Sonderfach der medizinischen Wissenschaft, sondern sie will die Heilkunde vor eine neue Gesamtaufgabe stellen. Nicht ihre Untersuchungs- und Behandlungsmethoden sind also das entscheidend Neuartige an ihr. Entscheidend ist vielmehr eine neugewonnene Gesamtschau mit neuen Grundbegriffen und Deutungen, entscheidend ist neue ärztliche Haltung. Mit einem Wort –: es wird eine durchgreifende Reform des medizinischen Forschens und praktischen Verhaltens erstrebt. Vielleicht, daß man auf diese Weise jene „Krise der Medizin“ überwindet, die uns seit zwei Jahrzehnten immer deutlicher geworden ist. In dieser Krise drückt sich vor allem das drängende Verlangen aus, dem Kranken als einem ganzen Menschen in seiner ganzen Lebenssituation beizukommen.

Daß eine solche Aufgabe ebenso dringlich ist, wie sie bisher unbefriedigend gelöst wurde, das ist vielen Ärzten und ebenso vielen Patienten längst in oft schmerzlicher Weise deutlich geworden.

Seit gut einem Jahrhundert hat sich gemeinhin die Medizin darauf festgelegt, allein auf Naturwissenschaft zu gründen. Diese naturwissenschaftliche Medizin betätigt sich in anatomischer und physiologischer Forschung, die grundsätzlich das Lebensgeschehen auf chemisch und physikalisch bestimmbare Vorgänge zurückführt. Zu einem Leiblichen, das derart aufgefaßt wird, kann das Seelische dann nur in einseitige Beziehung gesetzt werden: Die seelischen Vorgänge mußten abhängig erscheinen von körperlichen Vorgängen, insbesondere von der Funktion des Gehirns. Wie sollte es da anschaulich klarwerden, daß – umgekehrt – auch das Seelische auf ein chemisch-physikalisches Geschehen und auf anatomische Strukturen einen Einfluß haben sollte!

Nun hat aber die naturwissenschaftliche Medizin inzwischen bereits aus. eigenen Stücken sich in mancherlei Art so sehr verändert, daß von ihr aus die Aufgabe der psychosomatischen Medizin heute verständlicher und zugänglicher wird als bisher. Es hat sich nämlich in den letzten Jahrzehnten erwiesen, daß nicht nur die Funktion des Gewebes von seiner Struktur abhängt, sondern auch die Struktur des Gewebes von seiner Funktion. Eine solche Wechselbeziehung von Struktur und Funktion gehört zu den Grunderfahrungen der Biologie.“ Jetzt begann auch die physiologische Forschung sich stärker an biologischen Gesichtspunkten zu orientieren. Es wurde vor allem in der Pathologie anschaulich, wie wichtig die Selbstbetätigung der Zelle und des Gewebes ist, ja, daß diese nicht nur reagieren, sondern auch agieren. Und umgekehrt wurde man zunehmend darauf aufmerksam, in welch hohem Maße auch das spezielle Geschehen im Organismus zentral gesteuert wird, insbesondere vom Stammhirn und dem diesem unterstellten vegetativen Nervensystem.

Aber eine biologische, also auf den Organismus als ein lebendiges Ganzes gerichtete Auffassung ist inzwischen noch von einer ganz anderen Seite her durchgeführt worden, nämlich von der medizinischen Psychologie. Diese hat sich vor allem in Gestalt der Psychoanalyse entwickelt, die sich vielfach auch die Bezeichnung „Tiefenpsychologie“ beilegte. Zumal ihr Begründer Sigmund Freud hat durch eine umfassende Trieblehre in solchem Sinne gewirkt. Der Begriff des Triebes, des Antriebes, läßt sich nämlich ebenso auf Leibliches wie auf Seelisches anwenden. Zugleich hat Freud – und in anderer Art sein Schüler Adler – auch die Stellung des Individuums in der menschlichen Gesellschaft sehr berücksichtigt. Leider ist aber die Psychoanalyse – nicht ohne eigene Schuld – von der herrschenden Medizin bisher wenig beachtet worden. Das Seelische hat aber ebensosehr Anspruch, gründlich analysiert zu werden, wie das Körperliche.