Das Jahrhundert der Gaskammern und Atombomben hat einen Mann nicht entmutigen können, den seine Gegner mit Vorliebe einen „sentimentalen Schwätzer“ zu nennen pflegen: Victor Gollancz. Der heute 55jährige ist Engländer und Jude, Sozialist, Verleger und Organisator des ehemaligen Hilfswerks „Rettet Europa jetzt“. Aber er ist es erst in zweiter Linie. Vor allem anderen ist er Mensch. Ein Mensch, der Elend und Haß bekämpft, wo immer sie ihm entgegentreten. Es ist ihm Ernst mit den fast in Vergessenheit geratenen Worten eines englischen Missionars: „The only way to overcome your enemies is to make them your friends.“ Und mehr als das. Gollancz hat bewiesen, daß dieser Weg auch heute noch, gleichgültig, ob im Kriege oder Frieden, beschritten werden kann.

Unter dem Titel „Stimme aus dem Chaos“ ist im Nest-Verlag in Nürnberg eine deutsche Auswahl der Schriften von Victor Gollancz erschienen. Es ist ein gutes Buch; die folgenden Auszüge sind ihm entnommen:

„Ich bitte Euch flehentlich, widersetzt Euch dieser Welledes Hasses (gegen Deutschland) mit der ganzen; Kraft Eurer Vernunft und Eures Herzens. Sie ist schlecht, diese Propaganda, weil sie die Hirne vernebelt; sie ist schlecht, weil sie uns daran hindert, miteinander die Probleme der gequälten Menschheit vernünftig zu lösen; sie ist schlecht vor allem, einfach weil sie schlecht ist. In einer Welt, in der es soviel Böses gibt, ist jeder Verzicht auf Böses schon ein Sieg, auch wenn niemand je davon erfährt und das Ergebnis sich nicht in Zahlen ausdrücken läßt.

In einem Krieg – und in diesem furchtbarsten aller Kriege – können wir keine reinen Hände behalten; wir müssen unsere Brüder töten und ihnen Schmerz bereiten, damit die Freiheit des Menschen, seine Fähigkeit, seiner animalischen Triebe Herr zu werden, nicht endgültig von der Erde verschwindet. Unsere Herzen jedoch können wir rein halten; und jedesmal, wenn wir hier versagen, jedesmal, wenn wir hassen, hat Hitler gesiegt.“

(Aus „Shall Our Children Live Or Die?“, 1942.)

„Sie (die ,Herrscher der Welt‘) reden unermüdlich davon, daß es keinen Krieg mehr geben wird, wenn – aber eben nur wenn – die Großen Drei einig sind und einig bleiben. Dabei sind sie taub gegen die Lehren der Geschichte, die zeigen, daß an einer sich wandelnden Welt Bündnisse niemals länger bestehen als die Verhältnisse, für die sie geschaffen wurden. In dem gleichen Dokument, in welchem sie die Atlantic-Charta neu bekräftigen, verletzen sie sie. Deutschland gegenüber besteht die ungeheure Gefahr, daß es nicht gelingt, mit dem Gespenst des Totalitarismus endgültig und wirkungsvoll fertigzuwerden. Denn das kann nur durch lebendige, kämpferische Demokratie gelingen. Es besteht die Gefahr, daß die Behandlung Deutschlands der Lehre der Religion spottet, daß Gnade besser ist als Rache; der Lehre der Psychologie spottet, daß nur die Freiheit Heilung bringt und nicht der Zwang; der politischen Erfahrung spottet, daß die Annexion großer Gebiete des geschlagenen Feindes der sicherste Weg zum nächsten Krieg ist...“

(Aus „Über allen Völkern“, 1945.)