Jede Nachricht, die aus China kommt, erweckt in uns tausend Erinnerungen: die fast gleichgültigen Meldungen über die Preisgabe von Peking und Nanking, Stätten, deren nationale Symbolik bisher nicht oft genug betont werden konnte und deren Verteidigung "komme, was mag" von den Stadtkommandanten immer wieder verkündet worden war. Der stetige Vormarsch der Kommunisten, durch keinerlei natürliche oder militärische Verteidigungslinie aufgehalten, die Einkesselung ganzer Armeen; der große Appell des Generalissimus "bis zum bitteren Ende für die Freiheit desVolkes und die Unabhängigkeit der Nation zu kämpfen" und im gleichen Atemzug die Verheißung "des Endsieges in drei Jahren" – wie genau kennen wir das alles! Und doch, wer vermag sich diese Ereignisse in den weiten Räumen eines riesigen Kontinents vorzustellen?

Seit den Tagen der russischen Revolution erlebt der Weltkommunismus heute in China seinen größten Sieg. Gewaltige, noch unerschlossene Quellen zu Reichtum und Macht sind ihm zugefallen, 400 Millionen Menschen, deren Denken und Handeln jetzt nach den Idealen des kommunistischen Systems "ausgerichtet" werden; einige 1000 Kilometer pazifischer Küste – der Zugang zu den Weltmeeren in breiter Front – sind erkämpft. Damit ist eine Verschiebung des Schwergewichts in der Welt auf lange Sicht eingetreten, die bisher nur von wenigen wirklich klar gesehen wird. Im allgemeinen nimmt die Welt diese Tatsache gelassen hin als eine Naturkatastrophe, an der niemand etwas ändern kann. Nur der alte Churchill mit seiner Witterung für Macht und Gefahr hat in seiner großen Rede in Boston den Zusammenbruch Nationalchinas sehr deutlich als die größte globale Katastrophe seit Beendigung des Krieges bezeichnet.

Europa und auch Amerika haben die Eroberung der Tschechoslowakei, dieVerurteilung Mindzsentys, die Blockade Berlins eindeutig als Alarmsignal gewertet und scharf reagiert. Aber China ist weit, und der Glaube, daß in diesem Land nur das Unwahrscheinliche, nie das Wahrscheinliche Realität wird, verleitet jedermann zur Passivität. Kein Wunder, daß die republikanische Opposition in Amerika die Gelegenheit wahrnimmt, um sehr scharfe Kritik an der zweifellos inkonsequenten Politik Trumans zu üben.

Inzwischenbefinden sich Dreiviertel der Schwerindustrie, Dreiviertel der Bahnlinien und die größten Kohle- und Eisenvorkommen Chinas in der Hand der Kommunisten. Die Führer der Kuomintang sind nach Canton geflohen, dem Platz, von dem aus sie vor 38 Jahren auszogen, um China eine neue Ordnung zu geben. Freilich betonen alle Chinakenner immer wieder, der Widerstand der nationalen Verbände werde im Süden, der eigentlichen Heimat, der Kuomintang, wesentlich entschlossener sein als im Norden, und die Schwierigkeit; eine funktionierende Verwaltung aufzubauen, würde für die Kommunisten mit der Eroberung der großen Städte im Süden in zunehmendem, Maße problematischer.

Tatsächlich geht aus allen Berichten bereits heute hervor, daß der Mangel an qualifizierten Beamten und Fachleuten das Haupthindernis für das Wieder-in-Gang-kommen der Wirtschaft in Nordchina ist. Die Systemänderung als solche scheint allenthalben ohne große Opposition akzeptiert zu werden. Und zwar nicht nur, weil die geschlagene Kuomintangregierung in einem unvorstellbaren Maße korrupt und unsozial ist, sondern auch weil die Kommunisten sich bisher dem Volk als Prinzip der Ordnung, ja sogar der Sicherheit vorgestellt haben.Nirgends wird geplündert, der Einmarsch, in den großen Städten Peking und Nanking, hat sich in völliger Ruhe und Disziplin vollzogen. Die sofort durchgeführte Agrarreform überführt; das Land nicht in Staatseigentum, sondern überläßt es den Bauern als freies Eigentum, Überall wird an die nationalen Gefühle appelliert und zum Wiederaufbau eines neuen Chinas aufgerufen. ...

Aber die Weisheit des chinesischen Volkes schenkt dem Schein wenig Glauben und befürchttet mit Recht, die Verhältnisse könnten sich nur allzubald ändern. Diese natürliche Skepsis eines eingewohnten Volkes kommt in einem Bonmot zum Ausdruck, von dem der Sonderkorrespondent der "Times" berichtet, daß man es heute allenthalben in China; hören könne: Während der ersten Phase werden die Köpfe nicken, während der zweiten wird man sie schütteln und während der dritten werden sie abgehackt werden!

Merkwürdig bleibt, daß sich in Mao Tse-tungs näherer Umgebung keine russischen Ratgeber beieden und vielleicht noch merkwürdiger, daß der Name Mao Tse-tung in den vielen Propagandareden, die von Moskau aus in den Äther schwirren, fast nie erwähnt wird so, als wollte man die offenbar schlafenden "imperialistischen" Rachegötter des Westens nicht wecken. Fest steht im übrigen eins, daß Rußland nicht in der Lage ein wird, die Dinge, die China zum Aufbau praucht: Kapital, Maschinen, Öl, Holz, Texten, künstlichen Dünger zu liefern. Ob diese Tatsache im Verein mit dem Bemühen der Engander um Verbindung zu der neuen Regierung in China auf lange Sicht der Entwicklung in Ostasien eine neue Wendung geben, wird, vermag allerdings heute noch niemand zu sagen.

Marion Gräfin Dönhoff