Meisterwerke der Staatskunst sind selten geworden in dieser Zeit kalter Kriege, robuster Diplomatie und ideologischer Verbissenheit. Der Beschluß der Commonwealth-Konferenz der vorigen Woche ist jedoch fraglos ein solches Meisterwerk. Indien, seit fast zwei Jahrhunderten Herzstück des Empire, ist zur souveränen Republik geworden und wird dennoch fortan als freies, gleichberechtigtes Mitglied dem Commonwealth angehören und die Krone als symbolisches Oberhaupt anerkennen. Diese Entscheidung ist vornehmlich das Werk eines Mannes: des Pandit Jawaharlal Nehru.

Seit Monaten verfolgt man, vor allem in London, mit wachsender Bewunderung und Erleichterung den Kurs des 60jährigen Ministerpräsidenten, dem es gelang, Indien an allen Klippen des Bürgerkriegs und an der Gefahr kommunistischer Infiltration vorbei in ein ruhiges Fahrwasser zu steuern. Moskau sieht heute die Gefahr einer wirklichen „Dritten Macht“ am asiatischen Himmel heraufziehen. 350 Millionen Inder und einen halben Kontinent hat Nehru in die Waagschale zu werfen, um das Gleichgewicht der Welt nach seinem Ermessen zu beeinflußen. In knapp Zwei Jahren führte der Pandit der gelehrte Mann, Indien aus der Ohnmacht zur Macht.

Nehru ist Sozialist. Er glaubt an den Fortschritt und fürchtet das starre Prinzip der religiösen Klasseneinteilung. Die Abschaffung der Kasten und eine Verfassung, die „die Gleichheit zum Ziele haben muß“, sind daher für ihn die Voraussetzungen zur Erreichung der äußersten Leistungsfähigkeit. Er will die indischen Verhältnisse revolutionieren – und ist doch von Geburt her alles andere als ein Revolutionär. Der Sohn des in ganz Indien verehrten Motilal Nehru ist als Brahmane Angehöriger der höchsten Hindukaste und also Aristokrat.

In Harrow und Cambridge erzogen, wurde Ihm bei einem Besuch in der Heimat die erste Begegnung mit dem Massenelend der 700 000 Dörfer Indiens zu einem Erlebnis, das sich ihm, wie zuvor bei Gandhi, unauslöschlich in Herz und Gewissen einbrannte. „Ein neues Bild Indiens schien vor meinen Augen zu entstehen“, schrieb er, „nackt, hungernd, unterdrückt, erbarmungslos elend“. Dieses Bild hat ihn nie verlassen. Seit 1919 kämpfte er an der Seite Gandhis in der Kongreßpartei. Der Mahatma liebte ihn mehr als seinen leiblichen Sohn. „Er streitet oft mit mir“, so sagte er kurz vor seinem Tode, „aber er weiß, wie er mein Werk fortsetzen muß“.

„Liebling des Volkes“ nennen ihn seine Untertanen. Sie verehren ihn abgöttisch; seine Fahrten durch das Land gleichen den Triumphzügen eines Imperators. Dabei ist Nehru frei von den Eigenschaften so mancher Massenführer: Machthunger, Egoismus, Intoleranz. In einer anonymen Broschüre warnte er einmal selbst vor dem „neuen Cäsarismus Pandit Nehrus“.

Die Spannung in seiner Haltung, seine nervösen Reaktionen, verraten die ungeheure Last, die er auf seinen Schultern trägt. Seine Gefühlsregungen gehen manchmal mit ihm durch, und seine Menschlichkeit gewinnt mitunter Oberhand über seine politische Urteilsfähigkeit. Lächelnder Charme und Verschlossenheit wechseln in seinem Gesicht. Er ist Ästhet, liebt die Kultur des Westens, verehrt vor allem Oscar Wilde. In jungen Jahren erregte seine fast klassische Schönheit überall Aufsehen. Noch heute, nach dem Tode seiner Frau, erreichen ihn oft schriftliche Heiratsanträge.

Länger als irgendein anderer führender Freiheitskämpfer war Nehru im Gefängnis. Aber auch die sechzehn Jahre im Kerker, in denen die „Discovery of India“ entstand, haben seine Seele nicht zerbrochen, seinen Kampf gegen den englischen Imperialismus nicht in Haß umwandeln können; während der Commonwealth-Konferenz wohnte er als Gast beim letzten Vizekönig Lord Mountbatten. „Ich bin eine seltsame Mischung von Ost und West geworden“, bekannte er in seiner, in formvollendetem Englisch abgefaßten Biographie, „überall fehl am Platze, nirgendwo zu Hause“. Jawaharlal Nehru denkt europäisch und fühlt indisch; er ist der Erbe zweier Welten, bereit, eine dritte zu bauen. C. J.