Eine Briefmarkenversteigerung in Wiesbaden

In Wiesbaden kam es zur größten öffentlichen Briefmarkenversteigerung, die jemals in Deutschland stattfand. Diese Versteigerung hat interessante Hintergründe.

Einige Zeit vorher waren von dem Inhaber des Wiesbadener Markenhauses Morgenbesser im „Katalog für Briefmarkenauktion“ „einmalige Marken“ angekündigt worden, die auf der Wiesbadener Auktion versteigert werden sollten. Herr Morgenbesser – oder auch Herr Dr. Morgenbesser, wie man bisweilen hört – stammt aus Krakau, war früher polnischer Staatsangehöriger und zählt heute zu den Displaced persons“. An seinen im Briefmarkenkatalog Angebotenen „einmaligen Marken“ fiel der Reichspost auf, daß sie die gleichen Werte darstellten, die aus dem früheren Postmuseum Berlin, dessen Bestand nach dem Westen übergeführt worden war, gestohlen wurden. Herr Dr. Morgenbesser freilich gab an, daß seine Marken aus Galizien stammten und konnte auch die Einlieferer nennen. Es waren dies: Mojsze Muskatblit, Zygmunt Klajnbajcz, Mieszyslwa Scheps, Israel Borensztein, Boruch Lichtensztein, Jacob Wachsmann und Felicia Gelber. Bisher hatte man noch nicht gewußt, daß sich Marken von so hohem Wert, Seltenheiten, die im Katalog mit fünf- bis zwanzigtausend D-Mark angegeben werden, in Polen befanden. Auch die Einlieferer des Herrn Morgenbesser sind DP’s, also Menschen, die in Deutschland einige Vorzüge genießen, unter anderem den, nicht von einem deutschen Gericht oder der deutschen Polizei zur Verantwortung gezogen werden zu können.

Die Versteigerung hat inzwischen stattgefunden, obwohl sich die Reichspost für die Briefmarken des Herrn Morgenbesser stark interessiert und auch die zeitweilige Schließung seines Geschäfts durch die Militärregierung erwirkt hatte. Sie konnte Herrn Morgenbesser jedoch nicht die Identität seiner Marken mit den gestohlenen Werten des Reichspostmuseums nachweisen. Es dürfte der Reichspost auch schwerfallen, vielleicht gar unmöglich sein, jemals diesen Beweis vollständig zu erbringen, denn zur Beweisführung gehört ein Verhör der Verdächtigen, Zeugenvernehmung und Gegenüberstellungen. Das aber ist den deutschen Behörden bei „Displaced persohs“ nun einmal nicht erlaubt. Die Militärregierung dagegen schreitet nur ein, wenn der Beweis vollständig vorliegt. So ist es denkbar, daß Herr Morgenbesser (der im Februar versuchte, eine Postangestellte zu bestechen, ihm eine falsche Bescheinigung über Markenankauf auszuhändigen und gegen den noch ein Verfahren wegen Rauschgiftvergehen schweben soll) mit noch weiteren Kostbarkeiten aus Galizien aufwartet... H.