Die Heerstraße der Touristen: der Rhein

Von Waller Henkels

Amtliche Stellen rechnen in diesem Jahr in Westdeutschland mit einem Besuch von 65 000 ausländischen Vergnügungsreisenden. In Holland, Belgien und England rüsten die Reisegesellschaften, und wenn man Berichten aus den USA glauben darf, dann wird 1949 eine neue Europa-Invasion anheben, mit Schiffen und Luftgeschwadern, und zwei zwar alte, aber darum nicht weniger wirksame Geheimwaffen werden zum Einsatz kommen, vor denen alle europäischen Zöllner, alle Hoteldirektoren in Paris und Amsterdam, Venedig und Zürich in die Knie gehen: der US-Paß und der Dollar. (Es verhütet, die Paßbüros in Washington arbeiteten mit Überstunden, die großen Ozeandampfer für die Saison seien jetzt schon ausverkauft, die Fluggesellschaften planten Verstärkung ihrer Europa-Linien.)

Rheinfahrt mit Goethe

Es ist wahr: auch der deutsche Fremdenverkehr – die „Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr“ in Frankfurt und die ihr angeschlossenen Landesverbände – gibt sich Mühe, etwas von diesem Dollar-Segen auch nach Deutschland zu ziehen. Schon seit Ende März wirbt „drüben“ die englische Ausgabe einer graphisch hervorragenden deutschen Werbeschrift „Follow Goethe Along The Rhine“. Ein Goethe-Plakat des Fremdenverkehrs hat vor der Kritik weniger gut bestanden. Aber den merkantilen Seitensprung werden die Amerikaner Goethe sicher nachsehen, wenn sie seinen etwas im Ätherischen schwebenden Plakatkopf in den Schaufenstern der Reisebüros ihres Landes erblicken.

Wie dem auch sei: 65 000 Ausländer, denen man Gelegenheit gibt, von Aachen aus die „Siegfriedline“ und den Hürtgenwald zu besuchen, und die, bevor sie zur Schweiz Weiterreisen, je zwei Tage in Bonn, Frankfurt und Heidelberg Aufenthalt nehmen werden, sind nicht gering zu veranschlagen in der deutschen Fremdenverkehrsbilanz, zumal jeder Amerikaner bis zu 400 Dollar Waren unverzollt aus Europa mit nach Hause nehmen darf.

Romantik als Erinnerung