Im Sommer 1945 haben die USA und Großbritannien gemeinsam mit der Sowjetunion beschlossen, daß der Teil der deutschen Handelsflotte, der den Krieg überlebt hat, unter den alliierten Mächten aufgeteilt wird und Deutschland lediglich eine beschränkte Anzahl kleiner Schiffe für den Verkehr an der deutschen Küste verbleibt. Die auf diese Weise verbliebene deutsche Flotte besteht aus rund 140 Dampfern von weniger als je 1500 BRT mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren und insgesamt etwa 95 000 BRT, sowie rund 300 Motorseglern mit etwa 35 000 BRT. Außerdem ist noch nicht endgültig entschieden über das Schicksal einer Anzahl weiterer Schiffe unter 1500 BRT und einer Anzahl der in deutschen Hoheitsgewässern während des Krieges gesunkenen Schiffe. Der deutsche Schiffbau wurde zur verbotenen Industrie erklärt.

Nachdem-sich beinahe vier Jahre an dem durch Potsdam besiegelten Zustande fast nichts geändert hatte, haben nunmehr die USA, Großbritannien und Frankreich in Washington eine Einigung über die verbotenen und beschränkten Industrien getroffen. Das Wesentliche an diesem Abkommen läßt sich in wenigen Sätzen sagen.

Deutschland darf Frachtschiffe und Tanker, jedoch nicht Passagierschiffe, bauen mit einer maximalen Größe von 7200 BRT und einer 12 Knoten nicht übersteigenden Geschwindigkeit. Bevor jedoch eine für den europäischen und deutschen Wiederaufbau erforderliche „Küstenflötte“ mit Einheiten von nicht mehr als 2700 BRT und 12 Knoten Geschwindigkeit noch nicht wiederhergestellt ist, dürfen größere Schiffe nicht gebaut werden. Eine Höchstbegrenzung der zu bauenden Tonnage ist nicht genannt; sie ergibt sich aber abgesehen von der Deutschland auferlegten Beschränkung der Stahlerzeugung für die Dauer des Abkommens daraus, daß die deutsche Werftindustrie durch Kriegszerstörungen und Demontagen auf einen begrenzten Leistungsstand herabgesetzt worden ist, der etwa 50 v. H. der Vorkriegskapazität entspricht. Deutschland erhält das Recht, bis zu 300 000 BRT Frachtschiffsraum mit nicht mehr ab 7200 BRT je Einheit und 12 Knoten Geschwindigkeit und bis zu 100 000 BRT Tankschiffsraum mit Einheiten bis zu 10 700 BRT und 14 Knoten Geschwindigkeit vom Ausland zu erwerben oder zu chartern.

Eine Kommission von Experten der drei vertragschließenden Mächte soll innerhalb von drei Monaten einen Bericht ablegen über die Deutschland zu erlaubenden Schiffstypen, wobei die Frage der Antriebsmaschine und die etwaige Zulassung von Erweiterungen über die in dem Abkommen niedergelegten Begrenzungen hinaus mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Notwendigkeit einerseits und die Sicherheit der vertragschließenden Mächte andererseits geprüft werden soll. Für Spezialschiffe können außerdem von der Militärregierung im Einvernehmen mit dem Sicherheitsamt die im Abkommen festgelegten Begrenzungen erweitert werden. Solange nicht die Einzelheiten der durch diese Prozedur zu schaffenden Neuregelungen feststehen, soll die Potsdamer Regelung in Geltung bleiben. Das Abkommen soll bis zum 1. Januar 1953 oder, falls eine Friedensregelung früher erfolgt, bis zum Inkrafttreten der Friedensregelung Geltung haben.

Die Vereinbarung der drei Westmächte bedeutet für den deutschen Schiffbau und die deutsche Schiffahrt einen entscheidenden Schritt vorwärts. Die bisherigen Fesseln hatten sich für den Wiederaufbau von Deutschland und für den Wiederaufbau von Europa als unerträglich erwiesen. Nachdem das Herter-Komitee sich mit bemerkenswerter Klarheit für den Wiederaufbau der deutschen Schiffahrt ausgesprochen hatte, konnte von den beiden europäischen. Großmächten auf die Dauer nicht mehr einer Erweiterung der deutschen Schiffahrt widersprochen werden.

Es wäre nur eine halbe und deshalb eine falsche Maßnahme, wenn man Deutschland zwar Schifffahrt gestattete, aber nur Schiffahrt mit Schiffen, die nicht konkurrenzfähig sind. Es dürfte unmöglich sein, irgend jemand zu finden, der ernstlich glaubte, daß die Begrenzung von deutschen Überseeschiffen auf eine Geschwindigkeit von 12 Knoten den Zwecken der Sicherheit der alliierten Nationen gilt. Handelsschiffe in einem entmilitarisierten Lande haben keinen militärischep Wert. Es wird sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein, nach dem Kriege gebaute Überseeschiffe zu finden, die nur eine Geschwindigkeit von 12 Knoten haben, während andererseits moderne Linientonnage in verschiedenen Ländern gebaut ist, die bis zu 20 Knoten läuft. Das Rückgrat der deutschen Über-Seeschiffahrt ist stets die Linienfahrt gewesen und wird es auch in Zukunft sein müssen. Liniendienste über den Ozean kann man mit 12-Knoten-Schiffen nicht aufbauen.

Während unter der Herrschaft der Potsdamer Beschlüsse bisher Motorschiffe (von kleinsten Einheiten abgesehen) verboten waren, darf wohl davon ausgegangen werden, daß die in Washington vorgesehene Experten-Kommission in der Frage des Schiffsantriebs alle Beschränkungen fallen läßt. Es ist kaum vorstellbar, daß man noch weiterhin in der Richtung argumentiert, daß auch U-Boote Schiffsmotoren gehabt hätten und deswegen Motorschiffe nicht gebaut werden dürften. Wie es mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit von Motorschiffen steht, mag aus der Tatsache abgelesen werden, daß auf schwedischen Werften weit mehr als 1 Million BRT unter Bestellung sind und sich darunter nur ein ganz geringer Prozentsatz Dampfschiffe befindet.