Von Margarete v. Oertzen

Bevor sie selbst sich nähern, kommen Gerichte: ein großer Transport von Frauen sei bei Brest-Litowsk gesehen worden ... Tausend, zweitausend? Niemand hat sie gesprochen. Es dauert noch Tage, ehe im Läger Friedland eine Meldung von „drüben“, von Heiligenstadt, eintrifft: Frauen, die aus Rußland heimkehren, stehen vor den Grenzschranken. Vor dem Schlagbaum steht auch der russische Unterleutnant, kurz, gedrungen, adrett. Kaum sind der Lagerkommandant von Friedland und der englische Offizier eingetroffen, hebt sich langsam drüben der Schlagbaum und einige Sekunden später auch der auf „unserer“ Seite. Dazwischen Niemandsland. In der Mitte der schmale tiefe Graben, so daß die Ambulanzwagen nicht direkt nebeneinander halten können. Am „westlichen“ Schlagbaum wartet eine Herde von Autobussen.

Und dann kommen sie, die Frauen aus Tschje’jabinsk. Sie-sind nicht mehr ganz so abgerissen wie die Leidensgenossinnen, die vor ihnen kamen, nicht mehr so skeletthaft mager, und – vor allem – sie sind nicht mehr geschoren.

Wie es sich in der plötzlichen Änderung von Gang und Haltung ausdrückt, wenn endlich die zweite Schranke passiert ist! Die Züge entspannen sich, die Tränen fließen. Und wie es auch bei heimkehrenden Männern schon geschah, bricht es plötzlich aus den Frauen heraus, ursprünglich, ohne Überlegung; es begann mit einem Schluchzen und wurde ein Choral: „Nun danket alle Gott“ ...

Merkwürdig, woher sie immer wieder die Kraft zum Leben nahmen! Verschleppt, geschändet, von Mann und Kindern, von Heimat und Eltern getrennt, bei schlechter Kost und bei einer für deutsche Begriffe unvorstellbar schweren Arbeit! „Dann wurde es allmählich besser; die Quälereien hörten auf. Wer gar nicht mehr arbeiten konnte, wurde ins Lazarett gebracht. Sie ließen uns nicht mehr einfach verkommen und sterben. Sie behandelten uns wie ihre eigenen Leute. Aber sie kennen es nicht anders.“

Nein, sie sind nicht apathisch, diese Frauen, die aus dem Ural kamen. Schon die Freude der Heimkehr hat genügt, neue Kräfte in ihnen aufzuspeichern. Heimkehr? Alle diese Frauen stammen aus den deutschen Ostgebieten. Aber viele von ihnen haben Verwandte im Westen, Eltern, Geschwister, Freunde und einige sogar den Mann und die Kinder. „Wir wollen vergessen und neu beginnen“, sagen sie. Vergessen, daß zwei Drittel von ihnen den Strapazen nicht gewachsen waren; vergessen, welche Hölle von Hoffnungslosigkeit und Leiden hinter ihnen liegt...

Tausende schon hat der Lagerarzt in Friedland untersucht; nur wenige der „Rußland-Frauen“ waren ohne körperlichen Schaden. Schaudernd berichten die Helfer von den ersten, die kamen: „Es war oft nicht mehr festzustellen, ob es Männer oder Frauen waren. Sie waren nicht mehr menschenähnlich“, – Die Frauen, die diesmal eintrafen, haben „nur“ die allgemeine, die übliche Krankheit, die vom Hunger kommt –: Wasser. „Ich schicke sie nach Möglichkeit bald in die Stadt“, sagt der Arzt. „Sie sollen das Leber wieder sehen: gut angezogene, Menschen, spielende Kinder, Autos, die Geschäfte“. Die Wirkung ist überraschende Während die meister Männer verbittert sind und verbittert bleiben, wenn sie sehen, daß im Westen, „alles so wie früher ist, und wir – wir lagen im Dreck“, reagieren die Frauen ganz anders. In den von: Lager Friedland gesammelten und verteilter neuen Kleidern fühlen sie sich, bald sicherer, sie bewegen sich freier, besehen in der Stadt gern die Auslagen der Geschäfte und betrachten – erst ängstlich, dann erstaunt und fast glücklich – ihr eigenes Spiegelbild in den Schaufenstern. Sie lassen sich frisieren, machen die ersten schüchternen Einkäufe und kommen neu belebt in das Lager zurück zur liebevoll bereiteten Mahlzeit und in die frisch bezogenen weißen Betten.