Es hat in den letzten zwei Jahren viel Krakehl um Kehl gegeben; der ist nun vorläufig beendet In Washington wurde der Text eines Dreimächte-Abkommens über die Kontrolle des Rheinhafens veröffentlicht. Als Zwischenlösung ist darin vorgesehen, daß du Verwaltung der Stadt allmählich wieder in deutsche Hände übergehen soll, während die französische Kontrolle über den Hafen bis zur Vereinbarung einer gemeinsamen deutsch – französischen Verwaltung nach Bildung der deutschen Bundesregierung bestehen bleiben wird. Wenn auch kein Zweifel darüber herrschen kann, daß bis zum Abschluß des Friedensvertrages – solange gilt das Dreimächte-Abkommen – und eventuell noch darüber hinaus, die Stimme Frankreichs in allen für den Kehler Hafen entscheidenden Fragen das letzte Wort sprechen wird, wie dies übrigens in den sieben Jahren internationaler Kontrolle nach dem Versailler Vertrag auch geschah, so haben wir doch manchen Grund, nicht unzufrieden zu sein. Die aus starken Ressentiments gespeisten Ansprüche der Vierten Republik zugunsten eines Kompromisses zurückzudrängen, dürfte im Fall Kehl psychologisch sicherlich schwerer gewesen sein, als es Deutschland fallen sollte, etwas von seinen fraglos einwandfreien Rechten zugunsten, einer Entspannung vorerst aufzugeben. Seit Bidault auf der Moskauer Außenministerkonferenz 1947 offiziell Frankreichs Forderungen auf Kehl anmeldete, ist die Stadt zu einem neuralgischen Punkt der deutsch-französischen Beziehungen geworden. Für Deutschland glich der Griff nach Kehl bedenklich einem Griff nach der Kehle. Und für Frankreich? „Kehl soll nicht länger eine auf das Herz Straßburgs gerichtete Pistole sein“, so stand es in der Pariser Presse vor gar nicht langer Zeit zu lesen. Böse Zungen haben allerdings darauf hingewiesen, daß die Vertauschung von „sécurité“ und „pouvoir“ in der gegenwärtigen Politik Frankreichs durchaus nichts Ungewöhnliches ist; eine Angliederung Kehls würde in der Tat praktisch einer französischen Kontrolle der gesamten Rheinschiffahrt zwischen Basel, und Straßburg gleichkommen.

Heute ist Kehl, in dem seit der Kapitulation kein einziger Deutscher mehr wohnt, zwar schon – oder noch – de facto französisch. Aber es bestehen nun alle Aussichten, daß es bald wieder deutsch werden wird. Frankreich scheint sich jedenfalls in dem Dreimächte-Abkommen entschlossen zu haben, de jure Ansprüche auf diese rechtsrheinische Stadt endgültig aufzugeben. Und dieses Ergebnis des „Kra-Kehls“ scheint immerhin bedeutsam, in unserem so anaexionsfreudigen Jahrzehnt. C. J.