Erinnern Sie sich noch an das „Wunder“ des Rundfunkhörern vor 25 Jahren, an das Kratzen der Detektorfeder auf dem Kristall? So ähnlich antiquiert wie diese Erinnerungen werden uns wahrscheinlich, nach weiteren 25 Jahren, die ersten tastenden Versuche mit der industriellen Anwendung der „Atomenergie“ um die Jahrhundertmitte vorkommen. Auf der British Industries Fair, der seit Kriegsende ständig gewachsenen Exportmesse in London und Birmingham, versucht das britische Versorgungsministerium nicht nur, dem Laien eine vage Vorstellung von Atomenergie zu vermitteln, es ist auch erfolgreich bemüht, die Exportfähigkeit der Atomenergie für Aufgaben der medizinischen und industriellen Forschung zu beweisen.

Nun sind „radioaktive Isotopen“, das „Wunder“ der Atomenergie, keine Neuigkeit. Schon 1913 wurde in Wien, so belehrt den Besucher eine kleine Broschüre, im Radiuminstitut damit experimentiert. Doch auch das Rundfunkhören war 1924 technisch längst kein „Wunder“ mehr und dennoch begann erst damals das Publikum davon zu hören, daß sich die Welt vor seinen Ohren ein Rendezvous geben würde. Erst das von Menschenhand in Bewegung gesetzte, kontrollierte „Freiwerden“ von Atomenergie machte es möglich, die meisten chemischen Elemente „radioaktiv“ zu machen und mit dieser ausgestrahlten Kraft nicht nur an die heilende Wirkung, sondern auch an die industrielle Nutzung dieser Kraft heranzugehen. Im britischen Versuchszentrum für Atomenergie in Harwell können chemische Materialien radioaktiv gemacht, im Radiochemiezentrum in Amersham können sie gegebenenfalls weiterbehandelt werden, bevor sie als „Isotopen“ in alle Welt geschickt werden. „Alle Welt“ – das ist noch eine Übertreibung. Doch ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß diese friedliche Form der Atomenergie auch den Eisernen Vorhang durchdringt. Isotopen werden, so hat man es amtlich in England formuliert, an ausländische Institute und Regierungen geliefert, die sich zur Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse und zum Austausch von Meinungen und Besuchen qualifizierter Wissenschaftler mit ihren britischen Kollegen bereit erklären. Auf dieser Basis ist tatsächlich schon so mancher Exportauftrag, auch auf der Messe, zustande gekommen.

Der Laie – und dazu gehören heute wohl auch noch 99 von 100 Technikern, die diese Messe besuchen – nimmt es vorläufig als das erste Detektorkratzen hin, wenn ihm an winzigen Modellen vorgeführt wird, wie durch die Radiographie mit Hilfe von radioaktiviertem Kobalt Materialien geprüft werden können, wie die Stärke des (von der Rotationsrolle ablaufenden) Papiers ständig gemessen werden kann, wie radioaktive Materialien „Detektiv“ spielen können, wenn es gilt, Fremdkörper zu entdecken, Öl in Textilfasern, Gase in der Nachbarschaft von radioaktiven Materialien, Reibungsursachen bei der Berührung verschiedenartiger Metalle und was nicht sonst alles. Und so erfüllt die Atomenergie eine wichtige Messeaufgabe, durch einen „Schlager“ das Interesse zu wecken für die Vielzahl der übrigen Ausstellungsobjekte, deren Verwendung im Alltag leichter für den Einkäufer verständlich ist.

Das Interesse des Auslandes an der B. I. F. ist beträchtlich; das zeigen nicht nur die Ziffern über mehrere tausend neue ausländische Besucher täglich, das beweist auch ein Rundgang durch die Messe. Die Umsätze spiegeln die erschwerten Exportverhältnisse der Gegenwart: die langsam sichtbar werdende Sättigung vor allem der „Dollar“-Märkte, die zunehmende Konkurrenz aus Europa und von anderwärts, die steigenden Ansprüche an Qualität und kurze Lieferfristen, den verstärkten Preisdruck.

Und so ist es nicht erstaunlich, daß in diesem Jahre die britische Messe mehr denn je um Neuheiten bemüht ist. Das Ausstechen der deutschen und der amerikanischen Konkurrenz durch bessere Leistung oder neuartige Formen steht dabei im Vordergrund. Wir sind – trotz kalten Krieges – so weit im Frieden vorangeschritten, daß der friedliche Wettbewerb um Auge und Geldbeutel des Käufers an die Stelle der Produktion (egal was, egal wie, egal wie teuer) getreten ist. Vom elektrischen Dienstmädchen – das für 40 Pfund Anschaffungspreis die selten gewordene menschliche „Perle“ beim Aufwaschen. Stiefelputzen, Eierschaumschlagen, Kartoffelschälen, Kuchenrühren ersetzen soll und sicherlich eine Zukunft hat – bis zur zusammenklappbaren Garage aus Stahl oder Aluminium sind so ziemlich alle Zweige vertreten. Der Amateurfilm kann jetzt von einer Amateurtonfilmaufnahme auf Band begleitet werden. Ein neuer Brillenglasschleifer erhebt den Anspruch, den aufgestauten Bedarf der Welt an Brillengläsern um zwei bis drei Jahre rascher befriedigen zu können, als es sonst möglich wäre. Ein „Boden-Heizer“ will es mit den Treibhäusern aufnehmen. Metallkacheln und neue Farben sollen der Bauwirtschaft neuen Auftrieb geben. Ein verbessertes Penicillinprodukt soll länger im Blutkreislauf verharren und damit die Anwendung erleichtern. Für den Gaskrieg entwickelt, soll eine neue Droge mit dem simplen Namen Di-Isopropyl-Fluorophosphonat statt dessen, friedlich bei einer Augenerkrankung (Glaucoma), bei Muskelschwächungen (myasthenia gravis) und gewissen Darmparalysen (parlyt. ileus) heilend wirken.

Diese am Rande ausgewählten Beispiele klingen vielleicht anspruchsvoller als sie sind. Anderseits mögen manche Ausstellungsobjekte für die Zukunft nennenswerte Verschiebungen im internationalen Wettbewerb erbringen, die heute noch nicht erkennbar sind. Wenn z. B. manche britische Fotofabrikanten sich um Nachahmungen der Leica bemühen, so ist das bisher an Leica-„Volksausgaben“ Gezeigte zwar noch nicht sehr überzeugend. Doch es könnte der Zeitpunkt kommen, an dem der zweifellos vorhandene „Massenbedarf“ an einer simplen Kleinfilmkamera zu niedrigem Preis aus diesen Anfängen heraus befriedigt werden wird.

Man darf sich auch nicht dadurch täuschen lassen, daß in diesem britischen Schaufenster noch keineswegs künstlerische oder auch nur moderne Dekorationsgesichtspunkte vorherrschen und die Ausnahmen – wie etwa die einheitliche Aufmachung der Stände für Lederwaren oder einige Gruppen von Textilien – darum um so angenehmer auffallen. Es ist dafür auf der anderen Seite unverkennbar, daß die britische Sprachkraft für Neuerungen sehr viel schöpferischer ist als die deutsche, die noch immer „Kunstseide“ und „Zell wolle“ sagt, gegen „Rayon“ Im britischen Sprachgebrauch, oder die für die zunehmend wachsende Gruppe der Kunststoffe noch immer keinen reizvolleren Sammelbegriff kennt, während das Englische längst den sehr viel plastischeren Namen „Plastics“ geprägt hat. Und das gilt auch auf manchen Gebieten für die Formen wenn Mikroskope sich den Stromlinien anpassen, so können sie damit zu einer Augenweide werden und wenn eine Büroschreibmaschine eines aus Gummi hergestellten „Deckel“ für Tastatur und Farbband erhält, so dämpft das nicht nur ein wenig den Lärm und schützt vor Staub, sondern schafft auch eine harmonischere Form. Denn nicht nur Preis und Qualität, sondern auch der „New Look“ der Industrieprodukte beeinflussen das Geschäft!