Die werklichen und freundschaftlichen Bande, die zwischen Zuckmayer, Heinz Hilpert und Konstanz bestehen, brachten nach fast zwanzig Jahren wieder eine Uraufführung dieses Autors auf deutschen Boden, und weil seit langem, erst recht aber nach dem außerordentlichen Erfolg von „Des Teufels General“, unsere mit echten Dramatikern nicht eben gesegnete Bühnenliteratur in Zuckmayer ihren vielleicht stärksten Aktivposten besitzt, galt dieser „Barbara Blomberg“ nicht geringe Erwartung. Die Stadt am Bodensee war um die Monatswende ein kleines Heerlager vieler und namhafter Gäste, die das neue Kind dramatischer Mose zum Taufstein begleiten wollten.

Die junge Deutsche Barbara Blomberg hat Kaiser Karl V. als seine Geliebte einen Sohn geboten. Man nahm ihr das Kind nach der Geburt und verheiratete sie mit einem Soldaten. Erst nach zwanzig Jahren erniedrigender Ehe findet sie Erlösung von dieser Verbindung durch einen mißglückten Handel, der gerade um die Entdeckung jenes Staatsgeheimnisses ausbricht, dem sie sich unwissend bis jetzt unterworfen hat. Das Kind aber jener Begegnung ist kein geringerer als Don Juan d’Austria, der Sieger von Lepanto, ein glänzender Stern am Machthimmel jenes Jahrhunderts. Barbara Blomberg nimmt nun den Kampf um ihre Mutterrechte auf. Dabei fällt sie – durch ihre Liebe zu einem Engländer und die Feindschaft Albas in das Intrigennetz des Hofes, aber Don Juan, der Sohn, löst selber Alba und dessen Nachfolger ab: Mutter und Sohn begegnen sich, finden sich und – lassen sich wieder los. Barbara, die um des Sohnes willen auf den Engländer Verzicht leistet, fährt nach Spanien, wo sie die Trommeln des Todeszuges hört, die ihrem vergifteten Söhn gelten. – Kein Zweifel, daß Zuckmayer mit diesem Stück in ein dichterisches Zentrum vorgestoßen ist und daß er einen hohen Anspruch an sich selbst damit stellte. Aber es scheint, daß ihm die Lust an der wirksamen Szene, am pointierten und zündenden Wort, an der Situation zu sehr in den Fingern juckte, als daß er hätte Verzicht leisten wollen auf das, was sich nun einmal als bewährt und funktionierend erwiesen hatte. Es wurde ein Bild vom Menschen auf ewiger Wanderschaft, ewigem Abschiednehmen gegeben, ein Bild, das „des Malens wert“ war. Aber andererseits schieben sich vor dieses Bild die Gesichter und Masken der Menschen, die in der Historie behaust sind, das glänzende Szenarium der spanisch-niederländischen Machtkämpfe (die gleichwohl nicht im Stück ausgehandelt werden), ein Szenarium, das vom gegebenen Ziel ablenkt, weil es sich oft selbst als Ziel ausnimmt. Dabei wird das Stille manchmal durch das Laute überdeckt oder der Spaß gerät zu unvermittelt und rücksichtslos neben das Dichterische, das heißt der Theaterpraktiker schiebt zuweilen den Dichter ein wenig unsanft beiseite und kassiert leichtere Münze, anstatt das gewichtige Pfund abzuwarten, das dem Dichter Zuckmayer gehören möchte und gehört. Unser Einwand bezieht sich also nicht auf einen Mangel, sondern auf ein „Zuviel“.

An den dichtesten Stellen des Stückes war die Regie Heinz Hilperts ebenso behutsam wie leise. Die Liste der handelnden Personen war groß, und es liegt in den natürlichen Bedingungen des jungen Konstanzer Ensembles, daß noch nicht alle Leistungen ausgeglichen sein konnten. Die Aufführung hatte in Angela Salloker als Barbara Blomberg und dem jungen Michael Grahn als Don Juan ihre stärksten Anziehungspunkte, wobei der Salloker die ungleich größere Aufgabe gestellt war. Sie wurde gelöst mit dem herzlichen Anstand, der diese Darstellerin von je auszeichnet und der in entscheidenden Passagen als schönes Beispiel hoher Schauspielkunst aufleuchtete. Elisabeth Müller als Halbschwester Don Juans gehörte zu den reinsten Profilen der Aufführung, der Jan Schlubach als Bühnenbildner und Lilo Hagen mit schönen Kostümen einen bemerkenswert festlichen Rahmen gaben. Der Autor wurde lebhaft gefeiert und mit Hilpert und seinen Schauspielern viele Male auf die Bühne gerufen.

Rudolf Hagelstange