Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte Mai

Wieder einmal weiß sich Berlin im Zentrum höchst wichtiger internationaler Gespräche. Ende der Blockade! Doch das Echo aus Berlin, das dem Gegenstand dieser Beratungen voll zugewandt ist, mischt in die selbstverständliche Hoffnung einen großen Teil Skepsis. Für die außerberlinische Welt ist die „Blockade“ ein rein politischer Begriff. Für Berlin ist sie ein Lebenszustand, der aus Hunderten großer und kleiner Schikanen, Hinderungen und Erschwerungen zusammengesetzt ist. Die „Blockade“ ist kein festumgrenztes Instrument politischer Hinderungen, bei dessen Entschärfung oder Ausschaltung der Status der Stadt Berlin sich mühelos dem Status des übrigen westdeutschen Landes angleichen ließe. Die außerberlinische Meinung über die „Blockade“ datiert den Beginn dieses Zustandes in die Sommerwochen von 1948, als bei Eintritt der westdeutschen Währungsreform die letzten Verbindungen zwischen Osten und Westen in Deutschland von den Russen zerrissen wurden.

Doch Berlin empfindet eben, daß dies die – letzten Verbindungen waren. Vorher lebte die Stadt schon lange unter dem Gesetz der sowjetischen Willkür, die in den Jahren und Monaten davor eine Möglichkeit des Verkehrs-mit dem Westen nach der anderen drosselte oder ganz erstickte. Die Totalblockade schließlich hat erst die volle Verantwortlichkeit des Westens für die Stadt erwirkt. Der Zustand unter der Totalblockade hat einen ungewöhnlichen Hilfsapparat der Westmächte durch die Luftbrücke in Funktion gesetzt, aber er hat auch. klare Verhältnisse geschaffen.

Die Befürchtungen Berlins gehen nun dahin, daß unter dem Begriff „Aufhebung der gegenseitigen Verkehrsbeschränkungen der Status quo gemeint sein könnte. Aber auch der Status vom Frühjahr 1948 wäre ein Danaergeschenk für Berlin, ein Zustand fortgesetzter Unsicherheit und Lebensgefährdung. Längst vor der Totalblockade bestand die Ungewißheit, ob die Verordnung von heute wohl morgen noch gelten werde, die Ungewißheit, ob der fahrplanmäßige Interzonenzug auch sein Ziel erreichen werde. Es war das ganze System der „technischen Störungen“, das vor dem Beginn der Totalblockade die Berliner Situation zu einem Hexenkessel von Unruhe machte.

Die Position Berlins ist durch eine eindeutige unveränderte Haltung der Berliner selbst geklärt worden, und die erstaunliche Leistung der Luftbrücke hat die kälte Eroberung der Stadt durch die Sowjets vollends unmöglich gemacht. Die bloße Öffnung eines Verkehrsweges, der jederzeit wieder „technischen Hemmungen“ unterliegen kann, mag im politischen Zirkel der Argumente von Wichtigkeit sein; für die dauernde politische Sicherung der Stadt und der um sie herum wartenden Sowjetzone wäre mit einem formellen Zugeständnis wenig getan. Berlin glaubt, daß seine politische und menschliche Leistung und die Erfahrung der in dieser Stadt tätigen Westmächte eine andere Folgerung nahelegt, daß nämlich die Aufhebung der Blockade die Beseitigung jenes Zwangszustandes bedeuten muß, der die Stadt politisch, wirtschaftlich, verkehrsmäßig, menschlich von Deutschland abschließen will.