Ich verspreche, daß ich in Paris keinem Schritt zustimmen werde, der die Freiheit Deutschlands einengt“, so sprach jetzt der letzte der Großen Vier aus den Potsdamer Tagen bei seinem zweiten Besuch in Berlin: Ernest Bevin. Es hat sich viel geändert in den vergangenen Jahren; die Zeiten, in denen Großbritanniens Außenminister und sein Kollege Wyschinski Arm in Arm beim Abschied einen englisch-russischen Kanon sangen, sind vorbei. Und, was das wichtigste scheint, der „John Bull des Proletariats“, wie Churchill ihn einmal nannte, meint es diesmal mit seinem Versprechen gewiß nicht weniger ehrlich, als einst mit seinem Bekenntnis zu Potsdam.

England führt nicht mehr in der Weltpolitik. Aber dies ist nicht der Tätigkeit des Arbeiters im Ministersessel zuzuschreiben. Bevins unglückliche Palästinapolitik, sein Zögern gegenüber Deutschland und seine Vorbehalte gegenüber Europa – bei allem sollte man sich daran erinnern, daß bei seinem Amtsantritt 1945 dem heute. 68jährigen eine einzige Aufgabe bevorzustehen schien: die Liquidation des durch den Krieg bis an den Abgrund getriebenen Empire. Er ist kein Casterleagh und kein Pitt, so sagen seine Gegner. Gewiß nicht. Aber er hat auch nicht die Fehler eines Baldwin oder Chamberlain. Und eines ist gewiß: Für Labour-England bleibt „Ernie“ einstweilen unersetzlich. –

Bevins Politik gleicht seinem Charakter: ein wenig schwerfällig, robust, jedoch nicht ohne Schläue und oft von einer erstaunlichen Zähigkeit. Er spricht keine ausländische Sprache, und kennt nicht die „lateinische“, messerscharfe Analyse. Er verläßt sich auf seinen insularen Instinkt, der ihn zur rechten Zeit vor Feinden und vor falschen Freunden warnen soll, und seine Fähigkeit des „muddling through“ scheint unbegrenzt. Er ist der Typ des Engländers – und alles andere als ein Diplomat konventioneller Tradition. Bidault hat es nie ganz vergessen, daß Bevin ihn einmal einen „netten kleines Mann“ nannte, und der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Molotow war in einer Konferenz mit dem Vertreter des britischen Imperialismus gewiß auf jedes andere Argument gefaßt, als ausgerechnet auf dieses: „Sehen Sie, Herr Molotow, ich bin Proletarier.“ (Der Ton lag auf dem ich.)

Bevin ist es in der Tat. Man hat ihn einmal charakterisiert als den einzigen englischen Staatsmann, der nicht nur aus der Arbeiterklasse hervorgegangen, sondern auch in ihr verblieben ist. Im Gegensatz zu Ramsay Macdonald, der mehr und mehr zum gesellschaftlichen Snob wurde, blieb Bevin, der Sohn eines Landarbeiters und einer Hebamme, der sich schon mit elf Jahren seinen Lebensunterhalt verdienen mußte, immer standesbewufter Proletarier; als Organisator der riesigen Allgemeinen Transportarbeitergewerkschaft, als Arbeitsminister im Kriegskabinett Churchill und als Außenminister. Sein Verhältnis zur englischen Arbeiterklasse bleibt der wärmste und menschlichste Zug an diesem Mann, der oft nicht ohne Härte und Rücksichtslosigkeit ist. Er spricht noch heute ihre Sprache und vereinigt in sich ihre Vorzüge und Mängel. Die Offenheit und Unkompliziertheit dieses Vollblutpolitikers entwaffnet seine Gegner und begeistert die Masse. Er muß noch heute, in Konferenzen und Reden nach Worten ringen, aber wenn er erklärt, daß er sich nicht scheue, „den Spazierstock bei seinem erdigen Ende anzufassen“, oder: „Ich wünsche, in der Lage zu sein, zum Victoria-Bahnhof zu gehen und eine Fahrkarte zu kaufen, wohin ich will, und hinzufahren, ohne daß irgend jemand irgendwo mich am Ärmel zupft und meinen Paß sehen will“, dann weiß jeder, was gemeint ist.

Auch sein Deutschlandbesuch über das vergangene Wochenende hat erneut bewiesen, daß er nichts von seiner impulsiven Energie verloren hat. Und mehr als das: Sein spontaner Entschloß, seinen 48stündigen Aufenthalt auf 72 Stunden zu erweitern, seine zur großen Verwirrung seiner Begleiter ganz unprogrammäßig gehaltene Rede auf der Treppe des Schöneberger Rathauses an die in Zehnerreihen wartenden neugierigen Berliner und seine Bereitwilligkeit, mit deutschen Politikern ins Gespräch zu kommen, lassen uns hoffen, daß Ernest Bevin nach langem Schwanken endlich bereit ist, in sich selbst Frieden mit Deutschland zu schließen. „Für uns gibt es nur eine Grundlage zur Regelung der deutschen Frage“, erklärte er im blockierten Berlin: „Freiheit, Demokratie und fair play.“ Das scheint uns eine gute Grundlage. C. J.