Moderne Alchimisten

Von Berthold Lammert

Die großen Errungenschaften des naturwissenschaftlichen 19. Jahrhunderts zerstörten die Möglichkeit der Alchemie, jener Magie des Mittelalters, welche die Adepten der Schwarzen Kunst und die Rosenkreuzler veranlaßt hatte, den „roten Leu“ mit der „Lilie“ zu vermählen und „Merkur“ und „Venus“ in das Brautgemach ihrer Retorten zu zwingen, weil sie Gold machen: wollten. Die Grundlage der Alchemie war der Glaube, daß die Eigenschaften der verschiedenen Stoffe weiter nichts seien als die Attribute der einen und einzigen auf der Erde vorhandenen Materie. So glaubte man an die Möglichkeit einer „Transmutation“ dieser Attribute durch die „schwarze“ Kunst. Demgegenüber stellte die moderne wissenschaftliche Chemie die Existenz von etwa 80 verschiedenen unwandelbaren Grundstoffen fest, aus denen alle anderen Stoffe sich als deren Verbindungen aufbauen lassen.

Für die Welt der Organismen haben Lamarck und Darwin gezeigt, wie die Arten sich entwickeln, aber als Tier- und Pflanzenzüchter, schafft der Mensch neue Abarten, die die Natur nicht kennt. Daß auch die chemischen Elemente untereinander verwandt sind und Familien bilden, beweist ihre Anordnung im „Periodischen System“. Daß Elemente sich verwandeln können, zeigte die Entdeckung der Radioaktivität: Radium entsteht aus Uran und verwandelt sich schließlich in Blei. Diese Radioaktivität freilich wurde nur bei den größten und allerschwersten Atomen beobachtet. Offenbar stellen sie hypertrophe Gebilde dar, bei denen die Grenze der inneren Stabilität überschritten ist. Das schwerste stabile Atom ist das des Wismut vom Atomgewicht 209, alle schwereren sind instabil und zerfallen unter Aussendung radioaktiver Strahlen. Daraus geht hervor, daß die Atome der Chemie ihren Namen zu Unrecht führen: sie sind gar nicht die „Unteilbaren“. Tatsächlich ist das „Atom“ nur das Symbol eines Forschungsprinzips. Der analysierende Geist braucht stets einen Halt an „letzten“ Teilchen, Das „Atom“ ist relativ, es ist das „zur Zeit letzte“ Teilchen.

Die moderne Physik dringt tiefer in die Materie und „zertrümmert“ die Atome der Chemie in die Uratome. Damit aber findet der Glaube der Alchemie heute; seine späte Erfüllung: es gibt nur eine einzige Urmaterie. Und jedes Gramm Materie, ob Luft oder Wasser oder Platin, enthält dieselbe Anzahl von Uratomen, eine Zahl, zu deren Abzahlung man 1900 Billionen Jahre brauchen würde, wenn man in jeder Sekunde um 10 weiterzählt; 0,6 Quatrillionen (1 mit 24 Nullen). Die Urmaterie wird noch durch ein Attribut modifiziert, durch die Elektrizität. Auch ihre Mengen bestehen aus kleinsten Teilmengen, den (negativen) Elektronen und den (positiven) Positronen. Bei einem Strom von 1 Ampere fließen in jeder Sekunde über 6 Trillionen (1 mit 18 Nullen) Elektronen durch den Draht,

Die Uratome treten nun in zwei Formen auf: ungeladen als Neutronen und, mit einem Positron geladen, als Protonen. So wie der Chemiker die Moleküle aller Stoffe aus Atomen aufbaut, so setzt der Physiker die Atome aus Protonen und Neutronen zusammen. Es bilden zum Beispiel 197 Uratome – nämlich 79 Protonen und 118 Neutronen – den Kern des Goldatoms vom Atomgewicht 197. Dieser mit 79 Einheiten positiv elektrisch geladene Kern ist noch von einer Atomhülle von negativer Elektrizität umgeben, bestehend aus 79 Elektronen, so daß das ganze Atom nach außen hin unelektrisch erscheint. Bei den chemischen Reaktionen berühren sich die Atome nur mit ihren Atomhüllen. Daher ist ihre Elektronenzahl maßgebend für ihren Charakter als chemisches Element. So entsteht eine natürliche Reihenfolge der Elemente: 1 Wasserstoff, 2 Helium ..., 7 Stickstoff, 8 Sauerstoff ... bis 92 Uran. Die Elemente werden nach ihrer Elektronenzahl, die mit der Protonenzahl ihres Kerns übereinstimmt, numeriert. Bei derselben Atomhülle, das heißt auch bei derselben Protonenzahl, kann der Kern aber noch verschieden viele Neutronen enthalten. Bei den meisten Elementen gibt es daher verschiedene Atomarten. So gibt es beispielsweise beim Quecksilber neben 80 Protonen 116, 118, 119, 120, 121, 122, 124 Neutronen. Quecksilber ist stets ein Gemisch dieser sieben Atomarten mit den Atomgewichten 196, 198, 200, 201, 202, 204. Da sie alle in der Atomhülle mit 80 Elektronen übereinstimmen, kann der Chemiker aber diese „Isotopen“ nicht voneinander unterscheiden und trennen. Jene mittelalterlichen Alchemisten, die aus Quecksilber Gold machen wollten, hatten also die richtige Ahnung: Offenbar braucht man nur dem Quecksilber 198 ein Proton zu entreißen, und es ist – Gold. Tatsächlich haben die Alchemisten von heute bereits Gold aus Quecksilber gemacht.’Wirtschaftlich ist diese Umwandlung aber wertlos, da unter großem Aufwand nur mikroskopische Mengen umgesetzt werden.

Der erste Mensch, dem die Transmutation gelang, der Elemente ineinander umwandelte, war Ernest Rutherford. Im Jahre 1919 wurde die Alchemie Wirklichkeit. Er eröffnete sie mit der historischen Formel: