Von Hellmut Holthaus

Unser Zeichenlehrer hieß Becker. Da er ein besserer Maler als Lehrer war, hielt er es in der Schule nicht lange aus; er kündigte dem Vater Staat; Monatsgehalt und Pensionsberechtigung legte er fröhlichen Herzens auf den Opferaltar der Kunst, wo beides sofort in Rauch aufging. Aber in der Luft formte sich der blaue Rauch zu zauberhaften Bildern, wie sie für Geld und Staatsverträge nicht zu haben sind, und wir haben von Becker später noch manch Schönes gesehen. Er hatte keinen schlechten Tausch gemacht.

Als er die Schule verließ, war ich ein kleiner Quartaner, aber ich wußte genau, was ihn vertrieben hatte. Die Lineale waren schied! Oft genug hatte ich mit angesehen wie diese Instrumente den ruhigen Mann rasend machten, bis es schließlich zur Katastrophe kam, zur splitternden Götterdämmerung der Lineale. Immer wieder hatte Becker verboten, zum Zeichnen Lineale mitzubringen; es hieß ja „Freihandzeichnen“, aberselbst die folgsamsten Schüler widersetzten sich. Heimlich trugen sie Lineale in den Strümpfen oder unter der Jacke, und wenn der Lehrer einen Augenblick nicht hinsah, machten sie schnell einen Strich mit dem Lineal. Für Luftballons oder für Blumenvasen war es freilich nicht zu gebrauchen, aber wenn es darum ging, Häuser oder Tische zu zeichnen, schien es uns unübertrefflich und einfach nicht zu entbehren. Der Zweck des geraden Striches dies heiligte das Mittel, und die Abneigung des Lehrers gegen den hölzernen Helfer war den-Schülern unverständlich.

Einen Stier hätte man mit roten Tüchern nicht schlimmer aufbringen können als Becker mit Linealen. Eines Tages wurde es ihm zuviel. Zornschnaubend durcheilte er den Zeichensaal, sammelte sämtliche Lineale ein, zerbrach sie in grimmiger Befriedigung und warf die Trümmer zum Fenster hinaus. Nach diesem Strafgericht war kaum einer unter uns, der nicht Leid trug um ein Lineal Nur der Schüler Wolfgang, der mit allem zu rechnen pflegte, fand Trost in einem zweiten Lineal, das er als Reserve mitgebracht hatte. Als Becker es bemerkte, bemächtigte sich seiner eine tiefe Melancholie, und als wir ein paar Tage später hörten, er habe der Schule den Rücken gekehrt, war ich fest davon überzeugt, daß der Griff, mit dem er Wolfgangs Reserve- – lineal zerbrach, auch sein Lehramt’ zerbrochen hatte. Für ihn war’s wohl gut, weniger für uns, denn sein Nachfolger war ein guter Lehrer, aber ein schlechter Zeichner.

Das Lineal war für Becker das böse Prinzip. Es richtete nur Unheil an, besonders in unerfahrenen Händen, es erzog zur Trägheit, zur Bequemlichkeit, zur geistigen Sklaverei, es legte in seiner stumpfsinnigen Despotie den schöpferischen Impuls lahm, der den feinen, belebten Strich hervorbringt, es uniformierte das Werk der zeichnenden Hände und entwürdigte es zu einem seelenlosen Geschäft. Allenfalls konnte man reiferen Schülern das gefährliche Werkzeug in die Hand geben die genügend gefestigt waren, um seinem verderblichen Einfluß zu widerstehen. Und in der Tat sahen wir voller Bewunderung, wie die Größeren ermächtigt wurden, die hohen Probleme von Perspektive, Aufriß und Grundriß mit Hilfe ausdrücklich konzessionierter Lineale zu lösen.

Trefflicher Lehrer Becker; du hast gefehlt, als sie uns zwanzig Jahre später im Kasernenhof aufstellten zur sogenannten Vereidigung! Unteroffiziere eilten hin und her vor der Front, zogen eine Schnur vor unseren Füßen und ruhten nicht, bis alle Stiefelspitzen das Lineal berührten, das wieder in unreife Hände geraten war. Es gehörte ausgewachsenen Männern, die das Ausrichten mit soviel Hingabe besorgten, als gelte es die nützlichste Arbeit von der Welt, und als endlich das Werk zur Zufriedenheit des Feldwebels vollendet war, wurde die Schnur weggenommen. Aber wehe dem, der sich nun auch nur noch am einen Millimeter rührte! Wir waren keine Menschen mehr, sondern eine starre und lückenlose Folge von Punkten, ein lebloses Gebilde aus der Geometrie, das wunderlicherweise eine Eidesformel nachsprach.

Nicht der Körper allein, auch der Geist läßt sich versklaven mit Hilfe des Lineals. Das geschieht durch Formulare, die vom Lineal mit waagerechten und senkrechten Strichen überzogen worden sind. Streng und untadelig gerade pressen sie dich und deine Gedanken in Rubriken, entheben dich aller Verantwortung und ziehen die Einbahnstraßen für die ’Gedankenfahrt. Dies gehört hierher, dies dorthin, und nach jenem ist nicht gefragt. Welch eine unbeschreiblich wundervolle Sache ist doch ein weißes Blatt Papier, ohne Linien und Rubriken! Dem einen ist’s eine Welt, die er beleben darf nach seinem freien Sinn; dem anderen, vom Lineal Korrumpierten, entlarvt es kläglich, und die Qual der Freiheit bringt seine Armut zutage.

Es muß wahr sein, daß das Lineal nur in die Hände der Reifen gehört, der Gärtner, der Konstrukteure und der Architekten. Zuviel Mißbrauch wird noch mit ihm getrieben, und für den Mann, der die Lineale zerbrach, gäbe es noch einiges zu tun.