Von Kurt Erdmann

Während es in der Literatur und im Bereich der bildenden Kunst verhältnismäßig rasch gelang, nach 1945 den Anschluß an das Ausland zu finden, ist es auf vielen Gebieten der Wissenschaft immer noch kaum möglich, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, Was in den letzten zehn Jahren außerhalb Deutschlands geschah. Dies trifft auch auf die Archäologie zu, die ein in hohem Maße „kriegsempfindlicher“ Zweig der Wissenschaft ist. Die großen Grabungen wurden bei Kriegsausbruch eingestellt. Aber vereinzelt sind auch während des Krieges und durch den Krieg archäologische Entdeckungen gemacht worden. Daß beim Bau eines Luftschutzbunkers neben dem Kölner Dom römische Fußbodenmosaiks gefunden wurden, ist allgemein bekannt. Nun, hier soll von Entdeckungen im Auslande die Rede sein: Das wichtigste Ereignis in dieser Hinsicht ist wohl die Freilegung einer Gräberstraße des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. unter dem St.-Peter-Dom in Rom. Fernerhin sind folgende Entdeckungen der Kriegszeit bedeutend: die Höhle von Lascaux in Südfrankreich, das Schiffsgrab von Sutton Hoo in East Suffolk, England, und das Grab des chinesischen Kaisers Wang Chien bei Chengtu, Provinz Szechuan (über das „Die Zeit“ am 9. Dezember 1948 berichtete).

Die Höhle von Lascaux wurde 1940 durch spielende Kinder entdeckt. Sie enthält Hunderte von Bildern, meist Tierdarstellungen aus der Zeit um 25 000 bis 20 000 v. Chr. Was sie gegenüber den bisher bekannten prähistorischen Höhlen auszeichnet, ist das monumentale Format der Figuren – ein Stier hat eine Länge von fünfeinhalb Metern – und die eigenartige Technik der Ausführung. Die Bilder sind nämlich nicht gemalt, sondern die schwarze und rote Farbe ist mit einem Zerstäuber, vermutlich mit einem Blasrohr, aufgetragen. Die Qualität der Darstellungen und ihr Reichtum stellen die Bilder dieser Höhle neben die der der weltberühmten Höhle von Altamira.

Bei dem Fund von Sutton Hoo bei Ipswich nördlich London, der großartigsten archäologischen Entdeckung, die der Boden Englands bisher ergeben hat, handelt es sich um eine Schiflsbestattung – allerdings haben sich davon nur die eisernen Nägel erhalten. Nach der Lage dieser Nägel war es den sorgfältigen Ausgräbern jedoch möglich, Form und Größe des Schiffes genau zu bestimmen. In der Mitte des Schiffes fand sich eine rechteckige Grabkammer und in dieser ein Schatz, der nur einem König gehört haben kann, vermutlich dem ostenglischen König Aethellher, der 655 oder 656 n. Chr. starb. Der Fund umfaßt neben vielen anderen Schätzen eine Silberschale von mehr als einem halben Meter Durchmesser, mit dem Monogramm des byzantinischen Kaisers Anastatius I., zehn weitere Silberschalen, zum Teil spätantiken, zum Teil byzantinischen Stils, koptisch-ägyptisches Bronzegerät, ein Szepter aus Stein mit vier Köpfen in keltischem Stil, wie es noch nie in einem germanischen Grab, gefunden wurde, endlich das Schwert des Königs mit goldenem Griff und almandinbelegter Scheide. Der Wert dieses Fundes, den die Besitzerin der Fundstelle, der man ihn zugesprochen hatte, dem British Museum schenkte, wird auf eine halbe Milliarde Goldmark geschätzt.

Nach dem Kriege ist archäologische Tätigkeit nur langsam wieder angelaufen. In vielen Teilen der Erde ist sie, jedenfalls für Fremde, noch unmöglich. Außerdem funktioniert der Nachrichtendienst erst unvollkommen. Fachbücher sind schwer erhältlich. Von den alten fachwissenschaftlichen Zeitschriften erscheint in Deutschland erst eine einzige wieder. Einzelne Geschehnisse sind trotzdem bekanntgeworden. Besonders bedeutungsvoll könnten neue Funde werden, die in der Türkei gemacht wurden. Dort nämlich entdeckte 1946 der deutsche Archäologe H. Th. Bossert (Universität Istanbul) im südöstlichen Kleinasien am – Fuße des Taurus eine Stadt aus dem Anfang des ersten Jahrtausends v. Chr. mit großen Toranlagen, Statuen, Reliefs und mit vielen Inschriften in phönikischer Buchstaben- und hethitischer Hieroglyphenschrift. Der Entdecker glaubt, daß es mit ihrer Hilfe möglich sein wird, die hethitische Schrift, deren Lesung ja immer noch umstritten ist, endgültig zu entziffern.

Auch bei anderen Funden, die von der Universität Ankara in Kültepe bei Kaisarie in Zentralanatolien gemacht wurden, liegt das Hauptgewicht bei Inschriften, in diesem Fall Tontafeln, von denen über 1000 entdeckt wurden, davon an einer Stelle ein ganzes Archiv von Tafein, die teilweise noch in den ursprünglichen „Umschlägen“ aus Ton steckten, also ungeöffnete Geschäftsbriefe aus der Zeit vor 4000 Jahren. Der Fundort ist offenbar eine jener assyrischen Handelsniederlassungen, wie sie im 2. Jahrtausend v. Chr. in verschiedenen Städten des Hethiterreiches bestanden.

Ein anderer bedeutender Fund ist erst vor wenigen Wochen bekanntgeworden. In Labranda, an der Südwestspitze Kleinasiens haben schwedische Grabungen, die von A. W. Persson geleitet wurden, unter prachtvollen Ruinen hellenistischer und römischer Zeit in einer älteren Schicht eine Tafel entdeckt, die auf beiden Seiten beschrieben ist. Die Inschrift der einen Seite ist karisch; die der anderen zeigt eine unbekannte Schrift, die mit dem bisher noch nicht entzifferten kyprisch-minoischen Alphabet verwandt zu sein scheint. Sollte sich die Hoffnung der Entdecker bestätigen, daß der Inhalt der beiden Inschriften der gleiche ist, so besteht hier vielleicht eine Möglichkeit, das Rätsel der kretisch-minoischen Schrift zu lösen. Es wäre ein eigenartiges Zusammentreffen, wenn die beiden größten Schwierigkeiten, die der archäologischen Forschung im ägäischen Raum im Wege stehen, die noch unsichere Entzifferung der hethitischen und die noch nicht gelungene Entzifferung der kretischminoischen Schrift, sich durch die Funde zweier Jahre sollten lösen oder doch der Lösung näherbringen lassen. Bis dahin werden allerdings noch Jahre mühseliger Arbeit vergehen.