Genf, Anfang Mai

Esgibt nur wenige Städte in Europa, die es mit Genf, der Stadt Calvins und der Puritaner, an Höflichkeit aufnehmen können. Es handelt sich nicht um die beflissene Höflichkeit in der Fremdenindustrie – die Höflichkeit des Herzens ist es, die den Ton angibt, wo das Volk unter sich verkehrt.

In Genf verläßt der Verkäufer seinen Platz und kommt dem Kunden ein paar Schritte entgegen; der Kaufmann nimmt sich selbst bei Ausverkäufen die Zeit, dem Käufer eines Stoffrestes noch Ratschläge für dessen Verwertung mit auf den Weg zu geben. Ob man für einige Centimes kauft oder für Hunderte von Franken, immer ist die Freundlichkeit die gleiche. Als ich in einem Lampengeschäft nach dem nächsten Schlosser frage, erhebt sich der Besitzer, geht mit mir zur Tür, erklärt mir den Weg zum gesuchten Handwerker und sagt; „Tausend Dank, Madame.“

Nirgends als auf den Genfer Märkten ist es so lustig und herzerwärmend einzukaufen. „Kleine Frau, dieser Rettich ist etwas für Sie!“ – „Profitieren Sie doch von der Traubensaison, es wird Ihnen gut tun!“ – „Eine Schöne wie Sie muß doch Blumen haben, Madame!“ – Die Verkäuferin von Pilzen gibt gleich ein halbes; Dutzend Rezepte mit auf den Weg. Wo finden sich noch Marktfrauen, die auf eine Bemerkung, dies oder jenes sei zu teuer mit einem kleinen Achselzucken antworten: „Es ist wahr, petite Madame, das Leben ist nicht mehr schön.“

Jeder meiner Händler fragt nach meinem Befinden, merkt, wenn ich einen neuen Hut aufhabe, ist besorgt, wenn ich blaß bin, und erfreut, wenn ich braune Wangen habe. Jeder Briefträger macht Komplimente, der Installateur lobt die Wohnung, jeder Handwerker räumt selbst jedes Stäubchen fort, das er verursacht hat. Auf dem Steueramt hängt ein Schildchen „Ayez le sourire!“ Und es hat seine Wirkung.

Kein Wunder, daß sich die Höflichkeit des Herzens auch auf die Tiere erstreckt. Wie in allen Ländern lateinischer Sprache gibt es in Genf Katzen, in den Gassen, auf den Plätzen, auf den Ladentischen der Geschäfte, in den Wohnungen, und die bouchers kennen die Namen der Lieblinge und ihre besonderen Gaumenfreuden. Für die Hunde aber hegen sogar die Behörden zärtliche Gefühle. Beim Einholen der Hundemarke auf der Polizeibehörde erhält man eine Broschüre in die Hand gedrückt, auf deren Titelblatt zu lesen steht „Amicalement dédié aux proprietaires de chiens“,in der die Hunde eingangs sehr liebenswürdig gelobt werden, bisauf ihre besonderen Eigenschaften und Gewohnheiten an Parkbäumen und auf Beeren hingewiesen wird. Dann erst wird festgestellt, daß sie alljährlich für. 30 000 Franken Schaden in den öffentlichen Gärten anrichten. Dennoch hege die Stadt keinerlei Antipathie gegen die Hunde, man bäte aber die 6000 Hundebesitzer, ihre Lieblinge daran zu hindern, in den öffentlichen Anlagen ihren Trieben freien Lauf zu lassen, „damit die Blumen länger dauern und die ewig Unzufriedenen sich einen anderen Grund zum Klagen suchen müssen“.