So ist es auch gar nicht wunderlich, daß sich unlängst in Genf folgende hübsche Geschichte zutrug: Um zehn Uhr abends entdeckte ein Passant auf dem Boden der Place neuve einen erschöpften Vogel, den er für eine Schwalbe hielt. Er hatte die gute Idee, das arme Tierchen zum nächsten Polizeiposten zu tragen. Da es Genfer Polizisten waren, wußten sie,was da zu tun sei. Sie brachten den Vogel in die Rue Lechot zu einer gewissen Madame Ruau, die sich gerne kranker Vögel annimmt. Aber trotz reichlich dargebotener Mehlwürmer starb das Tierchen nach wenigen Tagen. Madame Ruau hatte nun den guten Gedanken, die Vogelleiche in das Naturhistorische Museum zu tragen.

Wie verblüfft war der Direktor des Museums, der bekannte Forscher Reveilliot, als er feststellte, daß es sich um einen Hydrobates pelagicus, einen Sturmvogel, handle. Alle Matrosen kennen diese Sturmvögel, die bei hoher See den Schiffen folgen. Sie suchen nur Land auf, um ein einziges weißes Ei in einen Uferfelsen zu legen, sobald aber Brut und Flugunterricht des Jungen beendet sind, gewinnen sie wieder das offene Meer, wo sie drei Viertel des Jahres. leben..

Welcher Wind hat den Sturmvogel vom offenen Meer bis auf die lichterglänzende Place neuve in Genf getrieben, wo ihn ein herzensguter Genfer zu retten suchte, im Verein mit Polizisten und einer in Vogelkrankheiten erfahrenen Frau. Nun ruht er als ein kostbares seltenes Exemplar, sorgsam präpariert, im Naturhistorischen Museum. Grete v. Urbanitzky

Zürich, Anfang Mai

In einer Zeit, in der die westeuropäischenNationen in Furcht vor einer russischen Agression leben, bauten zwei kleine Länder ihre Verteidigung auf. So verfügt heute Schweden unter den westeuropäischen Mächten über die stärkste Luftmacht, die Schweiz über das bestausgerüstete Heer. Hierin liegt auch das Geheimnis, daß es der kleinen Schweiz gelang, während des zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit und Neutralität zu bewahren. Denn an Plänen für ihre Unterwerfung fehlte es nicht, wie aus jetzt aufgefundenen Dokumenten des deutschen Oberkommandos des Heeres hervorgeht. So wurden unter anderem Anfang 1942 mehrere deutsche Gebirgsjägerdivisionen auf Befehl Hitlers von der Ostfront abgezogen und in den französischen Jura, verlegt. Einige Monate warteten sie dort auf ihren „Einsatzbefehl“ gegen die Schweiz. Jedoch im Sommer 1942 wurden sie wieder nach Rußland zurücktransportiert. Was hatte Hitler bewogen, das „kleine rotznäsige Volk“ – wie er es nannte – nicht zu liquidieren?

Als die deutschen Panzer fast den ganzen Kontinent überrollt hatten, schickte Hitler über tausend Spione, getarnt als Reisende, Geschäftsleute und Angehörige der diplomatischen Vertretungen Deutschlands in die Schweiz. Geld stand ihnen reichlich zur Verfügung. Die bekanntesten Spione waren der Kapitän Meißner, der das Basler Konsulat übernahm, und der Konsul Fritz Geiger in Zürich. Wochen fieberhafter Arbeit verstrichen, während die vorzügliche schweizerische Spionageabwehr-Organisation des Obersten Roger Masson den deutschen Agenten das Leben schwer machte. Trotzdem gelang es diesen Agenten, das Geheimnis der Schweizer Abwehrmaßnahmen zu entschleiern. Nach Auswertung der Agentenmeldungen berichtete das OKH an Hitler, daß die Eroberung der Schweiz der Wehrmacht rund eine Million Mann kosten würde, worauf im Hauptquartier der Feldzug „Schweiz“ von der Liste gestrichen wurde. Der Grund dafür war weniger die Entschlossenheit der Schweizer, ihr Land bis zum letzten Mann zu verteidigen; stärker wirkten die genauen Informationen über das „Réduit“.