Von Thornton Wilder

Das Buch des amerikanischen Dichters Thornton Wilder „Die Iden des März“ ist in der westlichen Welt berühmt geworden; und wir werden dem Suhrkamp-Verlag, Berlin und Frankfurt am Main, die deutsche Fassung als Lizenzausgabe des Bermaun-Fischer-Verlags, Amsterdam, in der Übersetzung von Herberth E. Herlitschka zu danken haben. Es geht um die Gestalt Cäsars, um seine Philosophie, seine Cäsaren-Praxis; es geht um das Schicksal und um die Atmosphäre des alten Rom. Dabei will das Buch keine Rekonstruktion des historischen Geschehens. „Man könnte es vielleicht eine Phantasie über gewisse Ereignisse und Personen aus den letzten Tagen der Römischen Republik nennen“, so schreibt der Dichter. Bestechend ist die Form des Werkes: Wilder erfand, phantasierte, ja, auch rekonstruierte Dokumente, Briefe, Tagebuch auf Zeichnungen. (Aus nichts anderem besteht das Buch). Man verfängt sich darin und glaubt, im alten Rom zugegen zu sein, als Cäsar Kleopatra empfing und bald auch

unter Dolchstichen starb. Das Buch ist amüsant, unerhört lebendig, von überlegener Ironie und von graziöser Abgründigkeit. Eine Besprechung des Buches erschien in der „Zeit“ vom 2. Dezember 1948.

XXIII.Cäsars Tagebuchbrief an Lucius Mamilius Turrinus auf der Insel Capri

(Um, den 18. August)

942. (Über Kleopatra und ihren Besuch. in Rom.) Im Vorjahr Begann die Königin von Ägypten die Erlaubnis zum Besuch Roms zu erbitten. Ich erteilte die schließlich und habe ihr meine Villa über dem Tiber zum Aufenthalt angeboten. Sie wird mindestens ein Jahr in Italien bleiben. Die ganze Sache ist noch Geheimnis und wird der Stadt erst am Vortag ihrer Ankunft bekanntgegeben werden. Sie nähert sich jetzt Karthago und sollte in etwa einem Monat hier sein.

Ich gestehe, ich sehe diesem Besuch mit viel Vergnügen entgegen, und nicht nur aus dem in die Augen springenden Grand. Sie war ein bemerkenswertes junges Persönchen. Schon mit zwanzig wußte sie die Ladefähigkeit jeder einzelnen der größeren Schiffsländen am Nil; sie war imstande, eine Abordnung aus Äthiopien zu empfangen, ihr sämtliche Bitten zu verweigern und die Verweigerung als Vergünstigung erscheinen zu lassen. Ich habe sie bei einer Besprechung der königlichen Steuer auf Elfenbein ihre Minister anschreien und über deren Dummheit toben hören, und sie hatte nicht nur recht, sondern bewies, daß sie recht hatte, mit einer Fülle bis ins einzelnste gehender und wohlgeordneter Sachkenntnisse. Tatsächlich gehört sie zu den wenigen Menschen, die ich kenne, welche ein Genie für Staatsverwaltung besitzen. Sie ist wohl eine noch, viel bemerkenswertere Frau geworden. Gespräche zu führen, Gespräche! wird wieder ein Vergnügen sein. Ich werde mich geschmeichelt fühlen, verstanden und geschmeichelt auf einem Gebiet, auf dem wenige fähig sind, meine Leistungen zu verstehen. Die Fragen, die sie stellt! Es gibt wenige Freuden gleich der, einem gierig Lernenden, das Wissen mitzuteilen, über dessen Erwerbung man alt und müde geworden ist. Gespräche zu führen wird wieder Vergnügen sein. spräche ich habe dieses Bündel Katzenhaftigkeit auf dem Schoß gehalten und mit meinen Fingern auf zehn braunen Zehen getrommelt und eine weiche Stimme an meiner Schulter mich fragen hören, wie man Bankhäuser daran hindern solle, den Fleiß des Volkes zu lähmen, und welches das angemessene Gehalt des Polizeipräfekten einer Stadt im Verhältnis zu dem des Stadthauptmanns sei. Alle Menschen in unserer Welt, mein Lucius, alle sind geistesträge, außer Dir, Kleopatra, diesem Catullus und mir selbst.