Des Menschen Seele,

Sie kommt und geht, zerflatternd

wie Sommerblumen.

(Sterbevers Hokusais)

Vor hundert Jahren, am 10. Mai 1849 starb in Asakusa, einem Stadtteil von Tokio, im neunzigsten Lebensjahre Katsushika Hokusai. Mit ihm verlor Japan einen der genialsten, aber auch umstrittensten Künstler des 19. Jahrhunderts, dessen Werk nicht nur in seinem Heimatland, sondern fast noch mehr im Westen geschätzt wurde. Mit einem beinahe Übermenschlichen Fleiß hat er in seinem fast 90jährigen Leben eine unübersehbare Zahl von Werken geschaffen.

Schon mit sechs Jahren zeichnete und malte der junge Hokusai. Seine Lehrjahre begann er 1772 bei einem der vielen fliegenden Buchhändler, arbeitete dann eine Zeitlang bei einem Holzschneider und kam schließlich 1777 zu dem berühmten Katsukawa Schunsho, bei dem er seine eigentliche künstlerische Ausbildung erfuhr. Bis 1785 blieb er bei Shunsho, studierte in den folgenden Jahren bei verschiedenen anderen Meistern weiter und war bereits 1789 so bekannt, daß er von berühmten Autoren als Illustrator ihrer Werke herangezogen wurde. Selbst ausländische Besucher gaben ihm Aufträge, deren Ausführung ihm jedoch durch die japanische Regierung verboten wurde, die es nicht gern sah, daß die innerpolitischen Zustände Japans im Auslande bekannt wurden. Neben den Vorlagen für die Buchillustrationen verfaßte und illustrierte er selbst Bücher. Sein Ehrgeiz trieb ihn bald zu artistischen Kunststücken und Kolossalgemälden, die er mit den absonderlichsten Malmitteln, wie Besen, Fingern und Eiern in kürzester Zeit auf öffentlichen Plätzen ausführte.

Aber trotz vieler Aufträge gelangte er niemals zu Wohlstand und seine zahlreichen Reisen waren häufig Flucht vor Gläubigern oder vor dem Hunger. Unzählige Anekdoten berichten von seiner Unbekümmertheit in Gelddingen, aber selbst den widrigsten Umständen konnte er noch mit einem geistreichen Scherz und einem Lächeln begegnen. In Hokusai tritt uns vielleicht zum ersten Male auch im Fernen Osten der „Bohemien“ und „Artist“ entgegen, der Erfolg auf Erfolg türmt, ihn genießt und doch nicht davon berauscht wird.

War die Zahl seiner Werke bis 1837 bereits riesenhaft, so steigerte dieses berüchtigte Hungerjahr seine Produktivität ins Ungemessene. Doch selbst die Phantasie und der Einfallsreichtum eines Hokusai versagten vor dieser fast industriellen Produktion an Bildern und Zeichnungen, so daß wir seit dieser Zeit ein stetiges Erlahmen feststellen können. Wie viel von seinen Werken der große Brand von 1839 vernichtete, ist nicht zu ermessen, doch geht die Zahl seiner erhaltenen Arbeiten weit über jedes sonst bekannte Maß hinaus. Allein mehr als 500 Bände hat er mit Illustrationen versehen, das allein bedeutet mehr als 10 000 Holzschnitte.

Gemessen an dem Umfang seines Oeuvre blieb sein künstlerischer Einfluß gering. Von seinen vierzig Schülern erlangte kaum einer auch nur annähernd den Ruf des genialen Meisters. Selbst sein Ruhm schien zeitweilig auch in Japan zu verblassen und O. Kümmel spricht von dem genialen, aber auch „unerschütterlich gemeinen Hokusai“. Für ihn gab es keine technischen Probleme und Schwierigkeiten, sein Pinsel bewältigte alles, und dies ist der Punkt, wo seine Kunst fragwürdig wird. So genial oft seine Skizzen sind, sind es nicht doch nur Notizen, die ein vollendeter Kalligraph in schönster Schnellschrift festhielt? In einem seiner illustrierten Bücher schrieb er selbst: „Wir stehen im eckigen Stil, wir gehen im Kursiv-Stil und laufen im Stile der Grasschrift“ (eine kalligraphische Schnellschrift). Aber noch charakteristischer ist das folgende Selbstzeugnis: „Ein Weiser ist stolz auf seine Weisheit. Er stellt sein Licht nicht unter den Scheffel, schätzt hauptsächlich das Künstlerische und folgt der Mode der Zeit. Wer einfältig ist, fällt bald ab, wenn er altert. Zum Glück bin ich von Natur närrisch, dabei ungebildet und an keine alten Vorschriften gebunden. Ich bereue die vergangenen Jahre, schäme mich der vergangenen Tage und möchte auf dem unerforschlichen Roß des Himmlischen Willens den Weg der Kunst zu Ende reiten. Fast achtzig Jahre alt, ist die Kraft meines Augenlichts und Pinsels wie die eines jungen Mannes. Allein, ich hoffe hundert Jahre zu werden, um mein Werk zu vollenden/ Hier äußert er bereits den Wunsch, den noch einmal der scheidende Hokusai auf dem Totenlager ausspricht: „Nur noch fünf weitere Lebensjahre möchten mir vergönnt sein, dann würde ich in meiner Kunst vollkommen sein!“ Am Ende seiner künstlerischen Laufbahn und seines wahrhaft langen Lebens, glaubte er noch immer, daß Fleiß und Übung allein ihm zur Vollkommenheit in der Kunst verhelfen könnten!

Der Glanz des Ruhmes, den er im späten 19. Jahrhundert im Fernen Westen erlangte, ist heute verblaßt. Seine künstlerischen Vorfahren in Japan und China haben ihn übertroffen und aus dem Gesichtskreis der meisten Liebhaber der Kunst Ostasiens verdrängt. Angesichts des fraglos beachtlichen Anteils aber, den er an der Entwicklung der modernen Kunst Europas im Gefolge des Japonismus und des Impressionismus hatte, ist dieses Zurückdrängen Hokusais ungerecht. Er bleibt der geniale Künstler, der die künstlerischen Strömungen seiner Zeit erfaßte, aufnahm und weiterverarbeitete.

P. Wilh. Meister