V. Großzügigkeit stark gefragt – Beliebt, bekannt, und was die Leute wünschen

Von Jan Molitor

Die „Zeit“ hat, als sie diese Untersuchungen über die Schwierigkeiten und die Zukunftsaussichten des deutschen Filmes begann (Nr. 15 vom 14. April), die entscheidenden Fragen gestellt –: Welche künstlerischen Kräfte stehen zur Verfügung? Wie kommt die Produktion wirtschaftlich auf die Beine? Welche Absatzmöglichkeiten hat der deutsche Film? Welche Mittel wird er aufbringen, der Konkurrenz und der Gefahr einer Überfremdung durch ausländische Filme zu begegnen? Wo werden im Westen die Produktionszentren liegen? Die Kardinalfrage hieß: Kommt der deutsche Film wieder hoch?– Wir haben gesehen, daß unter den neuen Filmstädten zwei „Außenseiter“ nach vorn gekommen sind: Wiesbaden und Göttingen. Sie haben Initiative entfaltet, aber es ist wohl natürlich, daß bei derlei Unternehmen gerade kleinere Städte zunächst mehr Glück entwickeln: ein kleinerer Rahmen läßt sich schnell ausfüllen. Die Produktion größeren Umfangs aber ist – weil der Film Kräftekonzentration erfordert – an Großstädte gebunden. Und es wurde schon angedeutet, daß – abgesehen von der Unantastbarkeit der alten Filmstadt München-Geiselgasteig – es schließlich auf einen Wettbewerb zwischen zwei Städten hinauslaufen wird, auf den Wettbewerb oder Verteilung der Aufgaben zwischen Düsseldorf und Hamburg.

Eins könnte passieren, was alle Fragen nach den zukünftigen Filmstädten im Westen annullieren würde –: Berlin könnte in die Lage kommen, wieder Filmstadt großen Stils zu werden. Was dann? Heute ist es die „Defa“, die, sehr gefördert durch die russische Besatzungsmacht, die Filmstadt Berlin am meisten vertritt; die von den westlichen Besatzungsbehörden lizenzierten Firmen haben wohl sämtlich „ein Bein über den Eisernen Vorhang“ gestellt und „Fuß in Westdeutschland gefaßt“ – wobei sie mehr und mehr geneigt scheinen, „das andere Bein nachzuziehen“. Gäbe es eine Wendung im „Berlin-Problem“ – sie würden alle an die Spree zurückkehren, alle, die sich mit so vielen Mißerfolgen und wechselndem Glück seit dem Kriege bemüht haben, die Filmproduktion im Westen anzusiedeln, Regisseure, Kameramänner, Architekten, Schauspieler, alle. Noch immer haben sie die geheime Sehnsucht nach Berlin, und sie wird ihnen bleiben, solange nicht Städte wie Düsseldorf und Hamburg Ernst mit ihren oft geäußerten, oft disputierten Plänen machen.

Nahe bei Düsseldorf liegt Leverkusen. Dort gibt es die „Agfa“. Liegt die große Filmfabrik der Firma – sie war die leistungsfähigste Rohfilmlieferantin vor dem Kriege – heute auch in der sowjetisch besetzten Zone (in Wolfen), so befand sich die Photopapierfabrik der „Agfa“ schon immer in Leverkusen: sie wird demnächst Rohfilmrollen liefern können. Momentan sind diese „Agfa“-Leute gar nicht darauf aus, ihre Pläne an die große Glocke zu hängen. Es genügt uns schließlich auch, daß wir wissen –: es ist hier kein Stillstand bei den Laboratoriumsversuchen eingetreten. Will sagen: das „Agfacolor“-Verfahren, dessen sich der deutsche Farbfilm schon bei seiner Entstehung bediente, ist in aller Stille so gründlich weiterentwickelt worden, daß – wie Eingeweihte schwören – auf diesem Gebiet keine ausländische Konkurrenz, nicht einmal die amerikanische, zu fürchten sein wird. Wann man aber einen neuen fürchten sehen wird, weiß niemand verbindlich zu sagen. Unverbindlich heißt es in den neuen Filmkreisen Wiesbadens, Curt Oertel werde demnächst eine seiner filmischen Interpretationen großer Werke der bildenden Kunst farbig drehen... Nehmen wir hinzu, daß sich im Rheinland viele Fabriken feinmechanischer und optischer Instrumente befinden, Werkstätten, die der Filmindustrie die technischen Stützen geben, so verstärkt sich der Eindruck filmischer Chancen für Düsseldorf. Sehen wir auf der Gegenseite der Film „Lieferanten“ aber nicht nur die große „Kundschaft“ der Produzenten, nämlich die Kinobesucher im Industriegebiet, sondern auch jene Kreise, die den wissenschaftlichen Film benötigen, so finden wir, daß Düsseldorf geradezu prädestiniert sei, wenigstens dies zu werden –: der Ort, wo die instruktiven Filmstreifen über technische, über wissenschaftliche Gebiete allgemein entstehen. (Wer immer nur den „Spielfilm“ meint, wenn vom „Kino“ die Rede ist, unterschätzt die Bedeutung, die der Film als Unterrichtshilfe und als ein Mittel hat, selbst die schwierigsten Vorgänge anschaulich sichtbar zu machen.)

Bliebe, falls Düsseldorf als Spielfilmstadt nicht bald „in Front geht“ (und es hat den Anschein, als zögere man noch), die Möglichkeit, daß Hamburg auch auf dem Gebiet des Films der nordwestdeutsche Gegenpol zu München würde ...

„Hamburg ist eine Hanseaten Stadt“, rief ein Adept des Filmes aus. „Wissen Sie, was das heißt? Sie sagen Seefahrt – fügen auch noch das Wort christlich’ dazu – und meinen Handel; sie sagen Kunst und meinen Unterhaltung oder Repräsentation; sie sagen Film und meinen Geschäft. Glauben Sie, man könne die Tatsache, daß der Hamburger Hafen seine Kapazität momentan noch nicht wieder völlig ausnützen kann, durch die Ankurbelung einer Filmproduktion kompensieren?“